Blattgold 2011

Literaturpreis für junge Menschen in NÖ

„Blattgold“ – der Literaturwettbewerb für junge Menschen in NÖ – war 2010 mit insgesamt 56 Einsendungen und fünf Preisträgerinnen ein großer Erfolg. Auch heuer wird es diesen Literaturpreis wieder geben. Er soll zu kreativem Schreiben anregen und richtet sich an junge AutorInnen zwischen 15 und 25 Jahren, die in NÖ geboren sind und/oder ihren Lebensmittelpunkt in NÖ haben. Das diesjährige Impuls-Wort für die Texte lautet „Horizont“. Die Prosa-Texte dürfen maximal 10.000 Zeichen (einschließlich Leerzeichen) umfassen.

Der Jury gehören wie im Vorjahr Marlene Streeruwitz, die Badener Kulturpreisträgerin Gertraud Klemm und NÖN-Kulturchef Thomas Jorda an.

Zurzeit ist der Preis mit  € 2.000,- dotiert. Einsendeschluss ist der 20. September. Verliehen ird der Preis im Rahmen des Badener Literaturherbstes am 18. November im Theater am Steg.

„Teilnahmebedingungen“ und „Teilnahmeformular“ findest du hier

Blattgold 2010 – Texte der fünf Preisträgerinnen

Hiermit sind wir stolz die 5 Texte der Gewinnerinnen veröffentlichen zu dürfen!

Zu den Texten!

Blattgold Gewinnerin – Marlies Thuswald – “Brezelhaftes Gestern”

Brezelhaftes Gestern

Lisbeth stellt einen Teller mit drei Brezeln auf den Tisch.

Wir sind aber vier, denke ich. Eine stumme Anspielung: Wer zu langsam ist, den bestraft das Leben. Schnell lange ich zu. Gwendolyn führte ihre Brezel bereits zum Mund und Lisbeth versuche noch, ihre Gier hinter gespielter Langsamkeit zu verbergen.

Nur Wynfrid macht nicht einmal Anstalten, seine Hand auszustrecken und natürlich hat es nun auch keinen Sinn mehr, denn der Teller ist leer und das Geräusch von Zähnen, die sich durch Wände aus hart gebackenem Teig graben, und das leisen Fallen von Salzkörnern auf den frischgesaugten Küchenboden erfüllen den Raum.

Wynni trägt sein Schicksal gelassen. Mir kommt es sogar vor, als blitze ein spöttischer Funke in seinem linken Auge auf. Komisch, warum gerade im linken? Wynni war schon immer eher rechts angesiedelt. Vielleicht  nur, weil sich die Glühbirne darin spiegelt, weil es gar kein Spott ist. Aber ich kenne ihn zu gut, um zu wissen, dass Wynni niemals über den Dingen steht.

Der Gute. Schon im Kindergarten haben wir uns geschlagen. Wie die Zeit vergeht. Und Lisbeth! Noch in der Oberstufe habe ich sie für ihre Hasenscharte verlacht. Aber jetzt enttäuscht sie mich. Nur drei Brezeln? Ich muss innerlich den Kopf schütteln über so viel falsche Gastfreundschaft. Warum dann überhaupt Brezeln? Ohne hätten wir nun wenigstens alle das Gefühl, unerwünscht zu sein, hätten das Gespräch höflich aber bestimmt beenden und endlich nach Hause gehen können. Aber wie ein Gespräch beenden, das nie angefangen hat?

Wir verstecken uns hinter dem Krachen der Brezeln. Nur Wynni weiß nicht, wohin mit seinen Händen. Ha! Jetzt ist er aber doch sauer, weil er nichts zum Festhalten hat. Allerdings muss gesagt werden, dass, so langsam ich auch versuche zu essen, meine Brezel immer weniger wird. Bald werden wir mit leeren Händen vor einem leeren Teller sitzen, auf dem nur ein paar Krümel von einer kurzen brezeligen Last künden. Schon alleine deshalb hätte Lisbeth mehr Brezeln kaufen müssen, um zu verhindern, dass es zu dieser grausamen Stille kommt. Denn sobald der letzte Brösel sorgfältig aus dem Mundwinkel gefischt ist und das Kauen erstirbt, tun alle so, als würden sie angestrengt dem Ticken der Küchenuhr lauschen. Nur dumm, dass es eine digitale Uhr ist, die keinen Laut von sich gibt und mit ihrer roten Leuchtanzeige streng über die schweigsame Szene wacht.

Mein Hirn ist von der letzten Viertelstunde angestrengten Nichtstuns so lahm geworden, dass ich es nicht dazu bewegen kann, nach einer Fluchtmöglichkeit zu fahnden. Warten, heißt es. Denn jeder weiß, wer zuerst den Mund aufmacht, hat verloren, weil er ganz bestimmt das Falscheste sagt, was man an so einem Abend in so einer Runde sagen kann.

Wie geht es deinem Mann, fragt Wynni an Gwen gewandt.

Bingo, denke ich. Sie ist seit vier Monaten glücklich geschieden.

Schlecht, hoffe ich, erwidert Gwen. Sie scheint nicht einmal verärgert.

Und deiner Trinksucht?

Autsch, das kann ja noch heiter werden, denke ich und bin gespannt, wie es weiter geht. Wynni ist kurz verdattert, dann breitet sich ein schiefes Grinsen auf seinem rötlichen Gesicht aus.

Besser, als deinem Mann, hoffe ich, sagt er. Und dann springt er plötzlich auf, als wäre er die ganze Zeit auf Nadeln gesessen. Er rennt aus der Küche und kehrt kurz darauf mit einem triumphierenden Glitzern in den Augen und einer Flasche Rotwein zurück.

Wo wir schon davon reden, meint er, da hätte ich doch meinen hübschen Freund fast vergessen.

Ich habe den starken Verdacht, dass Wynni den Wein wieder mit nach Hause nehmen wollte, weil die Flasche ihm auf dem Weg hierher angefangen hat, Leid zu tun. Doch er scheint von der Brezel, die er nicht gegessen hat, Durst bekommen zu haben.

Warte, ich hole…

Aber Wynni unterbricht Lisbeth und deutet ihr mit der freien Hand, sich wieder zu setzen.

Brauchen wir nicht, sagt er und Lisbeth schaut ein bisschen verzweifelt. Wynni öffnet die Flasche mit seinem Taschenmesser. Darin ist er geübt, das sieht man. Ich muss unwillkürlich grinsen. Gwen wirft mir einen kurzen Blick zu und runzelt die Stirn. Damit sieht sie umwerfend aus. Schon als wir noch Kinder waren, habe ich es geliebt, wenn sie ihre Stirn auf diese Weise in Falten legte und mit nachdenklicher Miene vor sich hinstarrte. Alleine wegen dieser kleinen Geste habe ich fast ein Jahrzehnt lang vergeblich versucht, sie zu einem Date zu überreden. Verschütteter Kakao. Jedenfalls sieht sie jetzt, einen Ehemann, zwei Psychologen und drei Packungen Antidepressiva später immer noch umwerfend aus, sodass ich mir fast überlege, ob ich es nicht noch ein letztes Mal bei ihr versuchen soll. Eine frisch Geschiedene fühlt sich sicher oft einsam oder?

Inzwischen reicht Wynni die Flasche im Kreis herum.

Gläser wären besser, denke ich, daran könnten wir uns wieder eine Weile festhalten. Aber das ist Wynnis Rache für die Brezeln.

Prost, sagt er und trinkt. Dann leckt er sich die Lippen und blickt auffordernd in die Runde.

Was gibt’s eigentlich bei dir Neues, alte Schachtel?

Seine Wahl fällt ausgerechnet auf mich und ich krame in meinem scheintoten Gedächtnis nach irgendetwas, das ich erzählen könnte.

Ich habe im Lotto gewonnen!

Das ist echt mies, aber was soll ich machen. Wynni rollt die Augen.

Ich weiß, Don. Das war vor 20 Jahren und es reichte grade mal für eine Flasche billigen Wodka!

Ich zucke die Schultern. Wynni ist mir egal. Ich möchte bei Gwen punkten.

Ich habe mein Schlafzimmer neu eingerichtet.

Ups, da war wohl ein bisschen zu direkt. Aber als Innenarchitektin steigt Gwen natürlich sofort darauf ein. Die Gute. Und was für Holz und welcher Tischler und was für Vorhänge. Du liebe Zeit.

Komm doch mal vorbei und schau’s dir an, lautet meine Antwort und ich komme mir billig und vollkommen unter meinem Niveau vor. Das macht sicher der Wein, dass ich solchen Stuss von mir gebe. Zum Glück steigt Gwen gar nicht erst darauf ein. Sie zieht nur die rechte Augenbraue hoch und in mir steigt auf einmal eine wohlbekannte Hitze auf. Genauso hat sie es jedes Mal gemacht, wenn sie mir eine Absage erteilt hat. Gegen Ende habe ich sie nur mehr gefragt, um diese liebliche Bewegung ihrer Augenbraue sehen zu können. Ich habe schon fast vergessen, wie glücklich es mich immer gemacht hat, fast glücklicher, als mich eine Zusage hätte machen können. Ich muss lächeln und zu meiner unbändigen Freunde, wandert die Augenbraue noch ein Stück höher. Ich merke, dass Gwen überlegt, ob sie mich anspucken oder ignorieren soll. Schließlich macht sie einen halbherzigen Versuch, die Situation zu überspielen, den ich nur belächeln kann.

Lis, wie geht es denn deiner Großen, fragt sie nichts Böses ahnend.

Lisbeth schluckt, dann hustet sie, ringt nach Luft und läuft dunkelrosa an. Die Farbe steht ihr nicht. Sie tut, als hätte sie einen Brösel im Hals. Dabei ist die gesamte Brezel längst in einem fortgeschrittenen Stadium der Verdauung. Lisbeth würgt und rennt aus der Küche. Gwen wirkt bestürzt.

Drogen, kläre ich sie auf und Gwen wird richtig bleich. Wynni hickst im Hintergrund.

Ich suhle mich in Gwens Unsicherheit. Wir hören ein lahmes Schluchzen aus dem Bad. Gwen eilt Lisbeth zu Hilfe. Wynni zuckt die Schultern und leert die Weinflasche.

Eigentlich haben sich meine Gedanken seit meiner Ankuft nur darum gedreht, wie ich so schnell wie möglich wieder verduften kann, ohne dass es taktlos erscheint. Aber mittlerweile wird es richtig interessant. Ein paar Fettnäpfchen und schon kommt die Tragödie ins Rollen.

Ich höre die Klospülung. Kurz darauf sind wir wieder zu viert. Lisbeth hat rote Augen. Gwen sieht grünlich aus.

Jetzt ist guter Rat unbezahlbar. Gibt es ein unverfängliches Thema? Wahrscheinlich nicht. Also schweigen wir. Keine Brezeln. Kein Wein, der das Ganze retten könnte und keine Äußerung, die die Stimmung explodieren lassen würde. Schade, dabei hat es so verheißungsvoll dramatisch begonnen. Jetzt versickert das ganze Potential wieder in den mit Salzkörnern gefüllten Küchenbodenritzen.

Es endet eindrucksvoll eindruckslos. Gwen verabschiedet sich, ohne dass ich es verhindern kann und ist so schnell weg, dass es unmöglich für mich ist, noch ein Wort mit ihr zu wechseln.

Also warte ich auf Wynni, der angeborene Gleichgewichtsstörungen hat und deshalb länger braucht mit seinen Schuhen. Lisbeth kann ihre Erleichterung darüber, uns los zu sein, kaum verbergen.

Wir tun so, als wäre es ein perfekter Abend unter besten Jugendfreunden gewesen und beteuern uns, so etwas schon bald zu wiederholen. Dabei hoffen wir insgeheim, dass der unglückselige Tag in unerreichbarer Ferne liegt, da irgendjemand auf die wahnwitzige Idee kommt, die anderen wiedersehen zu wollen.

Die Tür schlägt mit einer Wucht, die von Endgültigkeit kündet, hinter uns zu. Langsam steigen Wynni und ich die fünf Stockwerke hinunter und treten auf die laternenbeschienene Straße hinaus. Wynni geht rechts, ich gehe links – immer schon.

Nacht, sagt Wynni.

Machs gut, sage ich und weiß, dass er irgendwann im Straßengraben enden wird. Aber das ist sein Problem und das hat etwas Tröstliches.

Ich gehe heimwärts. Die Erinnerungen vergangener Jahre zerstreuen sich wie die zerknüllten Flugzettel und Zigarettenstummel auf dem Gehsteig. Und ich bin dankbar dafür. Es ist wie ein Auftauchen aus einem See voll Müll. Zwar verklebt mir der Geruch von Kaputtem und Vergammeltem noch die Augen, aber das gibt sich mit der Zeit. Bald bin ich wieder in meiner Welt, in der es weder Wynnis noch Lisbeths und leider auch keine Gwen gibt.

Ich winke dem Mann im Mond und weiß, dass er mich auslacht. Es beruhigt mich, dass jemand den Witz an der Sache sieht und ich lache mit. Dann biege ich um die Ecke und lasse heute gestern sein.

Morgen fängt wieder einmal eine neue Zukunft an. Und sie wird so lange dauern, bis einer von uns schwach wird und aus lauter Verzweiflung die Nummern der anderen wählt. Bleibt nur zu hoffen, dass ich bis dahin genug Geld für ein neues Telefon mit einer neuen Nummer habe – und natürlich, dass nicht ich der Verzweifelte bin.

Marlies Thuswald (geb. 1991) aus 3380 Pöchlarn

Blattgold Gewinnerin – Melanie Mitterer – “Morgen”

Morgen

Es läutet. Alle springen auf, schleudern ihre Hefte in die Schultaschen und verlassen eilig das Klassenzimmer. Auch die Lehrerin scheint das schöne Wetter zu locken. Nur er bleibt sitzen und beginnt erst nachdem alle gegangen sind zusammen zu packen. Während er langsam den Raum verlässt und durch die verlassenen Gänge schlendert, hört er ihre fröhlichen Schreie und ihr lautes Gelächter vom Schulhof. Er lächelt. Morgen wird das anders sein. Da wird ihnen das Lachen vergangen sein.

Als er das Schultor öffnet, schlägt ihm die Hitze entgegen. Er geht über den Hof, durch die Menschenmenge. Niemand bemerkt ihn. Wie jeden Tag. Aber morgen nicht. Da wird er der Mittelpunkt sein. Egal, noch ist es nicht so weit. Der Lärm der Schüler wird leiser je weiter er sich von der Schule entfernt. Er zieht sich seine schwarze Kapuze über den Kopf und schaltet den Mp3-Player ein. Normalerweise kann er abschalten, wenn er volle Lautstärke aufdreht. Heute nicht. Er sieht sie vor sich, wie sie in der Pause ihren Spaß haben, wie die Liebespärchen knutschen. Naiv. Naiv und dumm. Sie leben anscheinend alle in einer heilen Welt. Aber nicht mehr lange. Er denkt an die Englischlehrerin mit ihrem falschen Lächeln. Mach deine Hausübung und dein Leben ist in Ordnung. Heute hat sie ihn das letzte Mal vor allen blamiert. Morgen wird sie zu spüren bekommen, dass sie mit ihm nicht machen kann, was sie will. Sie wird die Erste sein.

Er steht vor der Haustür, holt seinen Schlüssel heraus und sperrt auf. Das Haus ist leer wie immer. Sie kommen immer spät nach Hause. Er sieht seine Eltern selten. Er ist sowieso lieber allein. In der Küche schiebt er schnell eine Fertigpizza ins Backrohr und schaltet den Fernseher ein. Nur langweilige Filme. Thriller, Krimis. Die Pizza ist fertig. Langsam schlurft er mit dem Teller in der Hand und seiner Schultasche in sein Zimmer und fährt seinen Computer hoch. Schon nach wenigen Minuten ist er in das Spiel vertieft. Es ist schwierig und seine Gegner sind gut. Aber er ist besser, am Ende knallt er sie alle ab. Er ist stark, seine Waffen sind wertvoll und wirken dementsprechend. Er hat lange gebraucht, um sie frei zu schalten. Jetzt hat er jeden erledigt. Level 132, endlich. Schon seit Tagen spielt er ununterbrochen, jetzt hat er es geschafft.

Als er sich etwas zu trinken holt, ist es bereits dunkel. Die nächsten fünf Stunden sitzt er in das Spiel vertieft vor dem Computer und schiebt sich nebenbei Chips in den Mund. Dann schaltet er ihn aus.

Er steht auf und beginnt in seinem Zimmer auf und ab zu gehen, bis er schließlich vor dem Kasten stehen bleibt. Minutenlang starrt er wie hypnotisiert die Tür an. Dann öffnet er sie und holt eine Schuhschachtel aus der untersten Schublade. Er stellt die Schachtel auf den Boden und kniet sich davor. Vorsichtig und beinahe ehrfürchtig nimmt er den Deckel ab. Während er sie genau betrachtet geht er den Plan noch einmal durch. Er kann ihn perfekt auswendig. Nicht mehr lange dann werden sie alle bezahlen. Morgen. Sein Gesicht nimmt einen zufriedenen Ausdruck an als er beinahe zärtlich mit den Fingerspitzen über seine Pistole in der Schachtel streicht. Morgen ist unser Tag, denkt er. Morgen.

Melanie Mitterer (geb. 1995) aus 3353 Seitenstetten

Blattgold Gewinnerin – Lilli Maaß – “Morgen”

Morgen

Heute

Ich sehe ihre Gesichter und ich höre, wie sie sprechen, und ich weiß, dass sie über mich reden, obwohl ich nicht hören kann, was sie sagen, doch ich bin mir sicher, weil ich in solchen Dingen  immer Recht habe. Die schönen Mädchen, die anziehen können, was sie wollen, weil sie nichts verstecken müssen, weil da ja auch gar nichts ist. Die schönen Mädchen in ihren hohen Schuhen, die wissen, dass sie schön sind und die wissen, dass sie nichts verstecken müssen. Sie lachen. Sie lachen über mich. Über mich, das hässliche Mädchen, das mit dem weiten Sweatshirt, das alles verstecken soll und es trotzdem nicht kann. Das hässliche Mädchen mit der viel zu großen Jogginghose, die eigentlich nicht zu groß sein kann, weil ich spüre, wie sie in meine weichen, breiten Hüften schneidet.  Das hässliche Mädchen, das sich einen Muffin nach dem anderen in den Mund stopft und trotz des Zuckerüberschusses nicht lachen kann.

Der erste Rinnsal auf meiner Wange bahnt sich unauffällig den Weg nach unten und ich würde schreien, würde ich nicht in einem vollgestopften Café sitzen.  Was wollen diese Schönen, diese Perfekten, diese Glücklichen, die, die alles bekommen, was sie wollen, die für ein Kilo weniger auf den Rippen nicht zwei Tage fasten müssen, die ihre hohen Schuhe nicht deswegen tragen, weil sie die Beine trainieren, die ihr Leben genießen können, was wollen die denn? Ich werde es ihnen zeigen, ich werde morgen anfangen mein Leben zu ändern. Ich werde gesund sein, gesund leben, gesund essen! Ja, keinen Gedanken werde ich mehr an meine Oberschenkel verschwenden, keine einzige Träne mehr wegen meinem fetten Arsch vergießen, NEIN ich werde gesund sein, gesund aussehen und endlich… endlich  schön sein.  Wüssten sie, dass morgen DER Tag sein wird, sie würden nicht lachen, sie würden mich bewundern für meine Stärke.  Sie würden nicht lachen.

Einen letzten Schluck Wasser, dann wird es das letzte Mal passieren. Die Toiletten sind im Keller, das ist der Grund, warum dieses Café mein Lieblingscafé ist. Schon auf den Stufen bekomme ich weiche Knie. Mein Körper weiß, worauf er sich vorbereiten muss. Ich drücke auf meinem Bauch herum und halte die Tränen zurück, als ich nichts finde als weiches, ekelhaftes Fett. Unsanft schiebe ich mich an einem Mann vorbei, der gerade aus der entgegengesetzten Toilette kommt, und reiße eine Tür nach der anderen auf, bis ich die letzte hinter mir schließen kann. Soll ich in meinem Kopf tragische, pompöse Musik spielen? Schließlich war das hier das letzte Mal. Aber jede Musik verstummt in dem Moment, in dem ich meine Hand zu meinem Mund bewege.

Das Mädchen hat wahnsinnige Augen. Was aus ihnen spricht, kann ich nicht erkennen, weil sie viel zu schnell an mir vorbei läuft. Etwas irritiert trete ich den Rückweg zu meinem Tisch an. Wo sich dieser befindet, ist mir noch ein Rätsel, aber es wird sich aufklären, wenn ich meinen Blick durch den Raum schweifen lasse. Dort, wo drei verschiedene Gläser stehen, aber nur eine Jacke hängt, dort sitze ich. Es ist ein Ecktisch, natürlich. Als ich vor gut zwei Stunden hereingekommen war, war das der einzige, der noch frei war. Zu jemand anderem wollte ich mich nicht setzen, wie hätte das auch ausgesehen… die Hälfte der Kundschaft wurde ja schon bei meinem Anblick misstrauisch. Doch lange würde ich nicht mehr so aussehen. Lange würde ich keinen ungepflegten Bart mehr tragen, keine Hosen mit Löchern, die nicht da sein sollten, kein verschwitztes Hemd und keine blasse Haut mehr haben.

Ich führe das Glas mit der durchsichtigen Flüssigkeit  zu meinen Lippen. Wodka? Ich kann es nicht erkennen, aber es ist egal, ich kann es ohnehin nicht genießen, auch wenn ich das gerne täte… schließlich ist es das drittletzte Glas Alkohol, das ich in meinem Leben trinken werde. Morgen werde ich den dritten Anlauf, diesmal unter professioneller Aufsicht, zum Entzug antreten und morgen wird es der Anfang eines neuen Lebens werden.  Zwei ältere Damen  werfen mir Blicke zu. Sie sind angeekelt, mitleidig und überheblich, alles zusammen. Ihre Augen sprechen eine andere Sprache als ihr Mund. Was wollen die schon? Sie haben ja keine Ahnung, dass ich mindestens so alt werden würde wie sie, dass ich in ihrem Alter völlig trocken sein werde. Was wollen die schon? Sie haben ihr Leben erfolgreich gelebt, genießen jetzt das gemeinsam Alleinesein, auf das sie so lange gewartet haben. Ohne Kinder, ohne Enkelkinder, ohne Arbeit, vielleicht sogar ohne Mann und vor allem ohne Sucht. Was wollen die schon? Sie haben doch keine Ahnung von mir, von meinen Gedanken, von MEINER Familie, von meiner Abhängigkeit und noch viel weniger von meiner Stärke.

Die Kellnerin stellt sich vor mich hin. Ihre Lippen bewegen sich, aber ich höre sie nicht. Ich nicke nur und sie verschwindet. Das reicht meistens. Nicken. Doch ab morgen werde ich nicht mehr nur nicken. Ab morgen werde ich sprechen, ganze Sätze, im vollen Bewusstsein, ohne die Wörter immer wieder durchzukauen, immer mit der Unsicherheit, ob es überhaupt die waren, die ich sagen wollte. Was will die Welt denn auch mehr von mir? Nur einen funktionierenden Kopf, eine kleine Geste, die ihr zeigt, ja, ich werde ihn reparieren. Die ganze Welt muss ihre Köpfe reparieren, ich bin der Einzige, der es nicht ohne Hilfe schafft, aber das ändert sich. Das zweite Glas ist geleert und ich habe es noch nicht einmal mitbekommen. Vielleicht sollte ich bedachter an das Trinken herangehen, vielleicht sollte ich mir in aller Ruhe klar machen, dass es mein letzter Drink sein wird, vielleicht fiele es mir dann leichter.  Aber nein, das Radio dudelt nur unwichtige Melodien in mein Ohr, keine Tragik in den Noten, in der Stimme, im Bass und so leert sich auch das Letzte Glas und ich weiß, dass ich verlernt habe zu schmecken.

Morgen

Die Tage werden kürzer,  wenn man versucht sie zu genießen. Oder zumindest hat man mir das erzählt. Ich wurde belogen, denn die Stunden lassen sich nicht zählen, so langsam, wie sie verstreichen und die Sekunden geben keine Hoffnung auf eine Beschleunigung.  Heute ist der Tag. Der Tag, an dem ich gesund werden würde. Der Tag, an dem ich nicht mehr über dasselbe Thema jede Sekunde lang in meinen Kopf seitenlange Abhandlungen schreibe, sondern für den Moment lebe. Nicht mehr planen muss. Der letzte Plan wird sich heute erfüllen, und dann hätte ich Ruhe. Die Stimme in meinem Kopf wird sich einen neuen Platz suchen müssen, denn ich werde nur noch gesunde Gedanken haben. Nur noch gesund essen, gesunden Sport machen und mich nicht von einem Kilo mehr  in eine Depression stürzen lassen.

Lebt jeder, der gesund lebt, so langsam? Ist für jeden erfolgreichen Menschen jeder Tag so unendlich lang? Ist jede Küche ein solches Schlachtfeld? Mit aufgerissenen, aber leeren Verpackungen, mit Tellern, auf denen nur noch Krümel liegen, deren Ursprung nur schwer nachzuvollziehen ist? Ich trinke Wasser, weil es gesund ist, ja, Trinken ist wichtig. Ich bezwecke damit nicht mehr das Gleiche wie noch gestern, ich trinke, weil es gesund ist. Alle Models haben immer Wasserflaschen dabei, aber nicht, weil sie kotzen wollen, nein, weil sie gesund sein wollen und schön. Ich muss die Toilette benutzen, aber nicht, weil ich bereue, nein, weil das jeder muss. Die Tür verschließt sich wie von selbst. Ha, fast wäre ich wieder in die Knie gegangen. Oder bin ich es doch? Ein letztes Mal ist durchaus gerechtfertigt, schließlich war dieses Fressgelage nicht gesund, und ich wollte doch ab heute gesund sein. Schön, begehrenswert und gesund.

Wer braucht schon Gesundheit? Jeder halbwegs gutaussehende Mensch hat Untergewicht. Untergewicht ist nicht gesund und damit muss ich nun einmal leben. Jeder halbwegs gutaussehende Mensch hat mehr Kontrolle über seinen Körper als ich. Morgen, habe ich gestern gesagt, und vorgestern und vorvorgestern. Heute ist Morgen. Dieser Tag ist also nicht mehr wert als gestern. Morgen ist nur das Heute, vor dem man Angst haben muss.

Meine Füße tun, was ich will. Das, ganz genau das hat mir gefehlt. Kontrolle. Ich kontrolliere meine Schritte, weil ich weiß, wo ich hin will. Und sie werden mich nehmen. Sie werden mich nehmen, weil ich sie darum angefleht habe und weil mein Konto wieder voll ist. Ich werde mein Leben bald genauso kontrollieren können wie meine Schritte. Meine Taten werden nicht mehr von einer Substanz gelenkt werden, die nicht in meinen Körper gehört, sondern in die Körper der Menschen, die sie verdient haben. Ja, ja, noch starren mich die Menschen an. Noch haben sie Angst vor mir, wollen mich meiden, sind angeekelt von mir und meiner Erscheinung. Starrt nur. Ihr wisst nicht, was heute für ein Tag ist, aber ihr seid trotzdem ein Teil davon, weil ihr meinen Weg in ein neues Leben wie eine Garde pflastert und mir mit euren Blicken nur zeigt, wie Recht ich habe.

Ich habe Recht und ich habe das Recht auf ein echtes Leben, eines, das nicht verschwommen ist, eines, das der Wirklichkeit entspricht, ohne sie zu schönen. Vergesst die alten Anläufe, die, bei denen andere Menschen meine Garde waren, denn sie waren nicht erfolgreich, nein, IHR und nur IHR seid die richtigen, die auf meinem Weg vorbeigehen, die einfach da sind und mir dabei zuschauen, wie ich meinen Weg gehe. Das letzte Mal, das einzig echte Mal. Heute ist der Tag. Und trotzdem habe ich Angst, als ich die weiße Glastür vor mir sehe.

Menschen gehen ein und aus, sie schauen mich nicht einmal an. Wie oft bin ich schon hier gestanden? Wie oft habe ich es schon nicht gewagt einen Schritt in die Hölle zu machen, die mein Leben wieder aufräumen wird, mit ´genau dem Feuer, vor dem ich immer am meisten Angst hatte: Nüchternheit. Aber heute ist der Tag. Der erste Tag, an dem ich mich der Hölle stellen werde. Meine Hand macht die Tür auf, als wollte sie mir sagen, dass ich nicht so feige sein soll. Und ich gehe hinein und denke, dass ich es  früher nicht geschafft hätte, aber auch nicht später. Nein, schließlich ist heute DER Tag. Und morgen ist nur ein weiteres Heute, an dem es zu spät oder zu früh gewesen wäre.

Elisabeth Anna Maaß (geb. 1993) aus 3950 Ehrendorf

Blattgold Gewinnerin – Dorina Heller – “Björn brennt”

Björn brennt

Björn. Björn ist anders, Björn ist geil, Björn ist jung und brennend. Ja, Björn brennt.
Jeden Tag lichterloh, vom Morgenkaffee, bis zu den Abendliegestützen. Er wirbelt, und fackelt durch sein Leben, und versengt alles, was  zu langsam und zu blöd ist ihm auszuweichen.

Björn ist geil.

Er hat den Job, DEN Job, den, den alle haben wollen, aber tja, Pech, denn Björn hat ihn. Und jeden Tag, nach dem Morgenkaffee, sprintet er zur S-Bahn und fährt ins Büro.

Fährt zu seinem Job. Brennend und fackelnd.

Er verbraucht sich voll. Jeden Tag lässt er ein Stückchen von sich in seinem Morgenkaffee. Aber er ist zu viel, er brennt zu stark, als dass er sich auslöschen kann.

Und dann sind da ja auch noch die Spritzen. Wenns gar nicht mehr geht, dann muss er halt mal kurz verschwinden, aufs Klo oder einfach hinter die riesen Feng-Shui-Pflanze in seinem Büro. Ja und dann piekst er sich kurz und wartet. Wartet auf die Flammen, die nach und nach seinen ganzen Körper auflecken und ihn erfüllen, die ihn wärmen und die ihn heiß machen.  Weil Björn ist geil.

Aber trotzdem, das kann ja nicht alles sein, die paar Flammen, das bisschen Feuer…wie relativ, und viel zu wenig im Vergleich zur Ewigkeit, im Vergleich zum Universum, im Vergleich zu den ganzen Staubkörnern, die durch die Gegend fliegen.

Björn ist auf der Suche. Er sucht nach Selbstaktualisierung. Nach Erfüllung und innerem Frieden. Und in einem Biermoment, als er vollkommen zugesoffen auf seiner Ledercouch lag, mit einer Tussi, die er reihenweise mit nachhause bringt, die Marke Frau, mit Lederhandtäschchen, bei denen alle nach den Chihuahuas suchen, die Marke Frau, die überall ihren Lippenstift verteilt, die die kichert wenn man sie auszieht, die die nie stillt hält wenn man sie küssen will, mit der lag er auf seiner Couch  und  dann wurde er persönlich.

Biermoment halt.
“Selbstaktualisierung. Innerer Frieden, Ich und wie“, das hat er dann vor sich hin gelallt. Und dumm sind seine Püppchen ja nicht, nein blöd sind sie nicht. Haben ja alle brav das von Papi gesponserte BWL-Studium hinter sich.

„Innerer Frieden?“, hat sie dann gekichert und wieder nicht still gehalten, als Björn versucht hat auf sie zu rollen. „Such dir nen Yogi!“

Yogi suchen. Ja, das hatte Björn gemacht. Als er dann wieder nüchtern war.

Alt und faltig, weiße Haare und so.
Yogi halt.

Aber weise. Schlau war der, verdammt schlau. „Du musst aufhören mit den Spritzen. Und mit Yoga anfangen.“

Ja, sonst noch was? Kindergartentante nur auf Gandhi- Style, oder was?

Hey Alter, nein echt nicht. Aber Yoga, okay. Wenns Björn beim Brennen half, dann probiert man es doch mal.
Jeden Abend. Eine Stunde. Vor seiner Feng-Shui-Pflanze mit meditativer Trommelmusik. Sich mal den Kopf leer trommeln lassen. Ein paar Verrenkungen. Die tägliche Dosis Selbstdemütigung, wer brauchte das nicht?

Aber dann, dann war diese Yoga-Sache aus dem Ruder gelaufen. Es war einfach zu entspannend. Zu strahlend weiß, zu meditativ, zu gleißend, zu ausblendend.

Es löschte seine Flammen.

Er war süchtig. Nicht mehr nach seinen Spritzen, die hatte er nie wirklich gebraucht.  Ja gut, sie waren schon ganz nett gewesen. Bisschen Support um zu brennen. Aber mehr nicht. Sie hatten seine Flammen geschürt, aber die meisten Flammen waren immer noch in ihm drin.

Und Yoga löschte das Feuer.

Weißer Leinenfrieden und Feng Shui Pflanzen.

Vollkommen abgedreht. Gestern hatte er sich den Tag frei genommen, hatte für sich zuhause, für seine 200m2 Luxuswohnung eine grüne Blätterhalterin gekauft und glücklich und bis zum Delirium Yogaübungen absolvierend, ihr bei der Photosynthese zugesehen.

Glückliche Stunden.

So ganz ohne Flammen.

Schon klar, Selbstaktualisierung war das nicht. Aber immer eins nach dem anderen, das hatte schon seine Mutter –möge sie in Frieden ruhen- gesagt. „Eins nach dem anderen, mein Björnchen, du lebst zu schnell“, hatte sie immer gelächelt. Doch, konnte schon sein. Aber das war halt er gewesen. Zu schnell, zu heiß, zu brennend.

Und jetzt Yoga. Herrgott noch mal. Teufel im Himmel, Gott in der Hölle. Verdammt auf jeden Fall. Alle miteinander.

Grauzonen, die hatten ihn immer schon wahnsinnig gemacht. Voll fertig war er immer gewesen, wenn er wieder etwas entdeckt hatte, das sein Deutschlehrer „weder Fisch noch Fleisch“, genannt hatte. Schwarz und weiß. So sollte die Welt sein. Zumindest wollt er sie so haben. Die Welt. Schwarz. Und weiß. Ganz einfach. Nichts Graues.

Schwarz noch lieber als weiß. Glühende Kohle, brennende Asche. Heißer Ruß.

Oder weiß. Yogaleinen weiß. Gleißende Sonne auf klaren Fensterscheiben –weiß.

Aber grau, was war schon grau? Er meinte ja nur, nur seine ganz persönliche Meinung, aber wenn er was zu sagen gehabt hätte damals, als die Erde geschaffen worden war, tja dann, dann gäb´s heut kein grau.

Er war aber nicht da gewesen.             Und jetzt mal im Ernst.

Björn und seine Yogaleinen, die sind doch im Prinzip allen egal.
Geht ja nicht nur um ihn, alle müssen auf der Erde leben, Demokratie, alle müssen zufrieden sein, wenns sie´s auch nie sind, aber Björn bestimmen lassen, nein, das ging so gar nicht, so überhaupt gar nicht, das wär ja dann eine Björndiktatur, und wo kämen wir denn dahin, zwar vermutlich auch wieder nur dahin wo wir heute eh sind, aber trotzdem, nein, das kommt ja so gar nicht in Frage.

Aber Bong, Bong, Yoga hatte sich nun mal in seine Welt getrommelt, das war jetzt einfach mal so. Und seine Augen, Bong, Bong, die hatte Yoga ihm auch gleich geöffnet. So richtig weit geöffnet, weil als er heute aus dem Büro ging, und sich leichten Herzens von der Feng Shui Pflanze trennte, hatte er jetzt doch eine eigene zuhause, eine größere, viel größer, da passierte es. Es passierte. Tschak. Schlag in die Magengrube.

So ein bisschen Wind in ihren Haaren, so ein bisschen nur. Und schwarze Seidenhaare. Und graue Augen, wunderschönes Grau, nein, wie er das Grau in ihren Augen vergötterte. Überhaupt, grau war vielleicht doch nicht so schlecht, wenn er es so recht bedachte, nein, grau ging eigentlich doch.

Grüne Sprenkel. Im Grau. Und sie. So geborgen zwischen Müllcontainern, so anmutig zwischen Hundescheiße und so schnell vorbei. An Björn.

Einmal kurz Blinzeln und wutsch, schon wieder eine Welt die da vor ihm im Staub lag. Wie schnell das gehen konnte. Er könnte ganz viele Metaphern dafür finden und ganz viele Vergleiche anstellen, aber das hasste er. Spießerkram, das war Spießerkram.

Also schnell nachhause. Unter die Feng Shui Pflanze und ein bisschen Yoga machen. Ein bisschen viel Yoga. Ein bisschen eine ganze Nacht Yoga.

Und dann am nächsten Morgen, als alles wie immer vor sich hin floss, der Kaffee in die Tasse und der Verkehr Richtung City, und das Heroin in das Blut und Trinkwasser in die Toiletten und die Gedanken aus dem Fenster, stand er auf. Und wirbelte, funkelte und fackelte durch die Straßen.
Euphorie.  Das war eines der Symptome. Akut und chronisch, aber besonders akut.

Weiter geht’s. In die S-Bahn, aus der S-Bahn, auf die Straße.

Wo war das Grau?

Nicht DAS Grau, das war überall. SEIN Grau. Das war nirgendwo. Wie unfair. Das ging doch nicht, konnte doch nicht alles vorbei sein, so auf einmal, so ohne wenn und aber, das Leben konnte doch nicht sagen: „Hey Björn. Schau mal, das ist was Geiles. Siehst du´s? Da drüben? Das kannst du aber nicht haben Björn, siehst du, nie wirst du das haben Björn.“
So was konnte das Leben doch  nicht sagen. Das ging doch gar nicht.

Vielleicht doch. Doch, das wäre schon möglich, und dann der ultimative Beweis dafür, dass es einen Gott gab. Klar gab es ihn, einen, der Teufel zugleich war und einen krankhaften Spaß daran hatte andere Leute  herumzuschubsen. Am Planten Erde. Und wo auch immer sonst noch.

Na gut, Morgenerkenntnis: Grau gab´s nicht in seiner Welt, gestrichen, Liebe, auch gestrichen, aber Gott, ja den gab´s. Ein Tag wie immer, im selben Zimmer mit der Feng Shui Pflanze, einfach wie immer. Einfach normal. Aber doch anders, denn alles glänzte heute, die Blätter im Licht der Sonne, die durch die schlierigen Fenster hereinknallte, sein Kugelschreiber, den er immer und immer wieder zwischen seinen Fingern drehte, seine Schuhe, maßgeschneidert und frisch poliert, alles blinkte ihn an.

Und er kam sich so matt schimmernd vor, auf einmal gar nicht mehr brennend, sondern irgendwie stumpf. Abgestumpft.

Und heute kriegte er ja sowieso gar nichts auf die Reihe, mal wieder einer von DEN Tagen, die er eigentlich so gar nicht kannte, aber trotzdem fürchtete, ein Tag der nichts brachte. Aber auch gar nichts, außer vielleicht die Angst, dass der nächste Tag wieder so einer werden könnte.

Wonach sollte er sich noch sehnen?

Wonach sollte er denn bitteschön suchen, wenn er gefunden hatte was er wollte, was er so richtig wollte, das hatte er gespürt, eigentlich erbärmlich, das es letzten Endes immer nur um Frauen ging, aber auch wieder tröstlich.

Trotzdem tröstlich.

Denn sie hatte er richtig gewollt, fast so sehr wie Yoga, nur anders. Sie brannte in ihm, ohne ihn kaputt zu machen. Ja, das war es. Heureka, und noch so ne schlaue Erkenntnis! Ja Liebe, das war brennen ohne eingeäschert zu werden, das war brennen ohne zu verbrennen.

Er stand inmitten einer pochenden, lebenden Stadt, die sich nicht darum scherte, dass er existierte, dass er Yoga machte und Spritzen konsumierte.

Zwischen Müllcontainern und Hundescheiße, ging auch dieser Tag zu Ende.

Allein. Für Björn.

Vielleicht war das aber auch nur eine weitere Lektion. Ein weiterer Schritt zur Selbsterkenntnis, zum inneren Frieden.

„Du musst verzichten können. Und du musst dich sehnen“, auf einmal sah er überall seinen Yogi. Krank. Oder was auch immer.

Zu viel Weisheit war schon wieder nicht weise.

Trotzdem, Björn war nicht traurig. Etwas melancholisch vielleicht, aber das würde vorbei gehen.

Einsam, ja.

Aber traurig, nein.

Und so schlenderte er über den grauen Bürgersteig, durch eine graue Stadt, nachhause.
Allein unter Menschen.
Etwas nachdenklich. Etwas wütend. Und etwas gleichgültig.

Aber er freute sich auch.
Er freute sich auf Yoga und auf seine Feng Shui Pflanze.
Auf die freute er sich ganz besonders.
Und er machte einen großen Schritt.
Stieg über eine leere Coladose und näherte sich seiner Selbstaktualisierung.

Dorina Heller (geb. 1995) aus 2671 Küb

Blattgold Gewinnerin – Kathrin Fragner – “M-O-R-G-E-N”

M-O-R-G-E-N

M-O-R-G-E-N. Ganz sanft zergeht das M auf deinen Lippen. Es ist der Anfang eines unglaublichen Gefühls. Ausgehend von der Mitte der Zunge mit einem klitzekleinen Summen, wächst es mit jeder Sekunde mehr an. Es durchdringt jede Zelle des Mundes und bringt alles zum Beben. Und dann, dann, wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kann nicht mehr wachsen, denn du musst jeden Moment explodieren, ja dann geht es auf ein tiefklingendes O über. Das O ist deiner Brust, einem wundervollen Sonnenaufgang im Osten entsprungen, es sprüht nur so vor Kraft und Glauben. In deinen Ohren hörst du die frühmorgendlichen Vögel zwitschern, auf deiner Haut klettern kleine Sonnenstrahlen deinen Arm hinauf, tip -tap, tip-tap. Sie tanken dich neu auf, du nimmst die Kraft mit jedem Atemzug in dir auf. Doch was ist das? Ein Radikales R aus dem Osten verscheucht dieses Gefühl. Im Osten gibt es nicht nur wunderbare Dinge, sondern auch Dinge die sich Krieg nennen. Radikale Islamisten zerstören tausende Morgen im Morgenland. Verzweiflung, Angst und Elend bringt dieses R mit sich.

Aber wieder zurück zu dir, das R spiegelt in deinen Augen die Ruhe wieder, ein Schnurren des Zufriedenseins rollt über deine Zunge in den Rachen hinunter. Wenn du das verschluckt hast, kommt ein anfänglich scharf klingender Ton hervor, der wie sich bald herausstellt, so zart ist, dass du Gänsehaut auf deinem ganzen Körper fühlst. Genüsslich inhalierst du das G. Das E der Erleichterung zeichnet sich ab, es erntet endlich die Erwartungen und bringt die Vorfreude zu Ende. Denn last but not least kommt das N zum Vorschein. Neue Erfahrungen, Wissbegierde und der Drang das Unbekannte zu entdecken. Es hackt den Zauber des Wortes ab und wimmelt die Inspiration der anderen Buchstaben vehement ab. Es will Platz für Neues machen, es behält Recht. Es ist das Ende. Langsam verflüchtigt sich das Wort im Abgang und zurück bleiben seine unergründlichen Überraschungen mit Hoffnung und Unsicherheit zu gleich.

M-O-R-G-E-N.

Kathrin Fragner (geb. 1993) aus 4291 Lasberg

Blattgold – Mario Wurmitzer

Morgen lebst du damit


Laut der Anzeige im voll besetzten Ford Focus war es 4:38 Uhr, draußen regnete es leicht und im Auto wurde zum wiederholten Male eine Bierdose ausgeschüttet, was der Fahrer des Wagens mit einigen derben Worten quittierte, ehe er den Zündschlüssel drehte und losfuhr. Der Motor wäre beinahe abgestorben, der Lenker schimpfte nochmals kurz, sah die Startschwierigkeiten aber nicht als Zeichen dafür, dass er zu viel getrunken hatte. Simon hingegen schon. Simon war sich ziemlich sicher: Er würde in diesem Wagen sterben. Simon saß rechts hinten und Simon war Pessimist aus Überzeugung. Wenn man vom Schlechtesten ausging, so passierte es nicht, weil so gut wie nie genau das passierte, was man erwartete. Also versuchte er sich immer die schlimmsten Horrorszenarien auszumalen und einzureden, auch wenn er im Endeffekt selbst nur sehr halbherzig an sie glaubte. Aber Angst hatte er trotzdem, er befand sich in einem Auto, das von einem offensichtlich Betrunkenen gelenkt wurde. Eine durchwegs unerquickliche Lage. In so einem Moment überschlagen sich die Gedanken auf eine überaus groteske Weise: Einerseits werden sie durch den Alkohol verlangsamt, andererseits spürt man, dass es wichtig wäre, etwas Entscheidendes, Gutes, Sinnvolles, ja Elementares zu tun oder zu sagen.
Bei Simon sah das so aus: Er dachte an Morgen, an die Zukunft und an ein Leben, das ihn vielleicht erwartete und daran, wie wenig es ihm gefiele, jetzt zu sterben und alle Zukunftspläne begraben zu müssen. Das gefiele ihm überhaupt nicht. Er bemitleidete sich selbst ungemein, seine Perspektiven, seine Pläne, seine Ziele, lagen in den Händen eines nach Bier stinkenden Saufkumpels. Ein Fahrfehler und sie sind dahin. Nein, Autounfälle hatten in Zukunftsplänen nun wirklich nichts verloren, also wollte er einen solchen auch nach Möglichkeit vermeiden. Natürlich, die logischste und vernünftigste Konsequenz wäre es gewesen zu protestieren, das Anhalten des Fahrzeugs zu fordern, das aufklärerische Gespräch mit seinen Freunden zu suchen und ein Taxi zu rufen. Aber das tat er nicht, denn Simon wusste, das hätte Streit bedeutet. Einen Alkolenker von seiner Fahruntüchtigkeit zu überzeugen, wäre ein Drahtseilakt, ähnlich der Durchsetzung einer vernünftigen Gesundheitsreform in den Vereinigten Staaten, geworden. Simon wollte zwar nicht im zarten Alter von 18 Jahren sterben, aber andererseits wollte er schnell nach Hause und schlussendlich glaubte er nicht wirklich an einen Unfall. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie unbeschadet ankamen, war sicherlich höher als die, dass es unvorteilhaft enden würde. Er war zwar hauptsächlich Pessimist, aber irgendwie auch Realist, und wenn die Fakten so deutlich für sich sprachen, dann übertrafen sie seine aus Prinzip negative Grundeinstellung eben ab und zu. Und man weiß ja, dass Alkohol die Risikobereitschaft fördert und dass man nicht mehr ganz logisch denkt und in der Gruppe spürt man das bekanntlich noch stärker, als wenn man allein in einem Kämmerchen sitzt und deshalb entschied er sich dazu, eine Diskussion gänzlich zu vermeiden. Außerdem war er einfach auch zu müde und zu faul, um zu diskutieren. Kurz und knapp: Er schwieg, ließ das Gespräch seiner Freunde an sich vorbeiziehen und wünschte sich in sein Bett. Der Abend sollte nicht mehr länger andauern, er hatte genug, das heutige Ausgehen war nicht besonders gewesen, ein schlichtes Herumziehen zu nächtlicher Stunde, eines von vielen, eines, an das er sich nicht allzu oft zurückerinnern würde. Es war nichts Interessantes passiert, dabei wartete er schlussendlich immer nur darauf, dass etwas passierte, das interessanter war als der Normalfall. Wenn der Normalfall eintrat, fuhr er nämlich, ohne etwas Erwähnenswertes erlebt zu haben, mit seinen Freunden, mit denen er auch gekommen war, von der Diskothek zurück. Als besonders sah er es beispielsweise an, wenn ein Mädchen mit ihm in die Wohnung mitkam oder wenn es zu einem enormen Besäufnis gekommen war. Ersteres passierte seines Erachtens viel, viel zu selten, aber unbestritten am häufigsten passierte ohnehin der Normalfall. Im Grunde genommen auch klar, denn wenn der Normalfall nicht die Norm ist, dann läuft doch etwas falsch. Nun gut, normalerweise blieb der Fahrer jedenfalls nüchtern, heute hatte allerdings ein Jemand Fahrdienst gehabt, der aus tiefster Überzeugung niemals nüchtern blieb und eben auch mitgetrunken hatte. Niemand hatte ihn daran gehindert, Simon war zwar leicht geschockt gewesen, aber auch er hatte nichts unternommen und so nahm alles seinen Lauf. So war es gewesen, so war es zu diesem Gefühl der Todesangst gekommen, von dem Simon momentan total vereinnahmt wurde. Er hätte mehr trinken sollen, dann würde er sich da jetzt nicht so hineinsteigern, aber nun war es zu spät, er dachte unentwegt daran, was er alles versäumte, wenn er jetzt sterben würde.

„Kinder! Ich kann nie Kinder kriegen! Ich wollte immer zwei. Wie soll ich die zeugen, wenn ich tot bin? Einen Jungen, ein zwei Jahre jüngeres Mädchen. Wie soll das gehen, wenn ich querschnittsgelähmt bin? Reich werden. Wie wird man reich, wenn man nicht lebt? Vermutlich gar nicht, wie unerfreulich. Wieso sind die anderen so ruhig? Reden über das belangloseste Zeug, wenn sich die Pforten zur Hölle ganz offensichtlich immer weiter öffnen. Wenn man tot ist, ist es einem egal, wer die Champions League gewinnt, da bin ich mir hundertprozentig sicher. Aber vielleicht haben sie recht, ja, sie werden recht haben. Keine zehn Minuten und wir sind daheim. Sie haben recht, sie haben recht, sie haben recht, sie haben recht. Ganz genau. Kein Grund zur Panik, Lukas fährt überraschenderweise recht souverän. Meine Schätzung: Spurstabilität liegt bei circa 90 Prozent im Vergleich zur gewohnten Fahrleistung. Das ist doch gut, das reicht eindeutig. Alte Menschen reagieren immerhin langsamer als junge, das heißt wenn junge etwas trinken sind sie auf dem gleichen Niveau wie ältere im Idealfall. Laut Unfallstatistiken aber nicht. Verdammt, uncooler Gedanke, verdrängen, verdrängen, verdrängen! Sie haben recht, sie haben recht, sie haben recht!
In zehn Minuten kann ich mich in mein Bett legen, dann schlafe ich mal 4 bis 14 Stunden, je nachdem, ob und wann mich die Mama weckt, das ist gut, sehr gut. Nein, 14 Stunden kann ich nicht schlafen, die Oma hat Geburtstag. Verdammt, verdammt! Da muss ich früh aufstehen, da muss ich mit Verwandten reden, da muss ich Essen hinunterwürgen, obwohl ich sicher morgen zu Mittag noch nichts essen will. Verdammt, verdammt, verdammt. Aber was soll’s, wird auch vorbeigehen und am Abend dann wieder ins Nachtleben hinein, hm, aber da fahr ich dann selbst, das Mitfahren tue ich mir nicht gleich noch mal an … Achtung! – “
„Achtung!“, dachte er, „Achtung!“ schrie er sogar, allerdings nur halblaut, als sie mit dem alten Mann auf seinem Fahrrad zusammenstießen. Die anderen schrien beziehungsweise sagten gar nichts, ewig lange Sekunden rührte sich keiner von ihnen, es hatte sie in die Sitze gedrückt, sie waren geschockt, sie überlegten fieberhaft, was passiert war. Was war passiert? Sie hatten einen Radfahrer umgefahren. Da öffneten sich fast zeitgleich vier Autotüren und sie sprangen heraus. Da lag ein Mann, alt, zusammengekrümmt, hilflos, und sein Kopf begann zu bluten. Es wurde zu ihm gelaufen, es wurden sinnlose Kommandos gebrüllt, nach einigen Minuten wurde sich erinnert, dass es notwendig war, die Rettung zu rufen. Am wenigsten tat Simon, er stand praktisch nur daneben und ließ die Situation an sich vorbeiziehen. Während die anderen, die durchwegs einen höheren Alkoholspiegel als er hatten, herumrannten, stand er nur da. Die Einsatzkräfte kamen. Die Polizisten stellten erste Fragen. Die Zeit verging, alle Insassen des Wagens realisierten, dass sie unwahrscheinliches Glück gehabt hatten. Niemand von ihnen war auch nur annähernd verletzt worden. Natürlich, die Geschwindigkeit beim Zusammenstoß war gering gewesen, aber trotzdem hatten sie Glück gehabt, das konnte man nicht bestreiten. Simon nahm seine Umgebung fast nicht wahr, seine Freunde sprachen ihn an, er reagierte kaum oder gar nicht. Als der alte Mann, der nach Simons Meinung nun vermutlich im Sterben lag, schon lange weggebracht worden war, begann er zu weinen. Er stand da und weinte. Hätte er etwas gesagt, wäre ein Mensch weniger gestorben.

Später erfuhr Simon, dass der Mann nicht gestorben war. Er war gelähmt. Ob das jetzt wirklich besser war, konnte er damals und kann er vermutlich noch immer nicht richtig beurteilen.

Beim Gespräch mit der Polizei, zu dem er einige Zeit später vorgeladen wurde, sagte Simon zuerst nichts. Er wollte eigentlich behaupten, er hätte geschlafen, um keine Anschuldigungen gegenüber Lukas, der immerhin ein recht guter Freund von ihm war, erheben zu müssen. Als er von einer netten Beamtin dann aber gefragt wurde, ob er nicht doch irgendetwas loswerden wollte, begann er, zuerst stammelnd, dann immer schneller:
„Ich bin schuld. Nicht weniger als derjenige, der hinter dem Steuer gesessen ist. Ein paar Worte von mir und wir hätten angehalten. Ich hasse mich seitdem regelrecht. Eigentlich wollte ich bei diesem Gespräch hier lügen und ich habe mir einzureden versucht, dass er sein Leben gelebt hat, dass er alt ist, dass er auch nicht mitten in der Nacht Rad fahren muss. Gott, wie sehr habe ich versucht, mir das einzureden. Aber im Endeffekt wird einem klar, dass es nicht falsch ist, wenn man mit einem Rad fährt und sich richtig verhält, aber wenn man alkoholbedingt grundlos nach rechts ausschert und einen Radfahrer umfährt, dann ist das falsch. Und schlussendlich wurde mir klar, dass ich in erster Linie zwar seine Träume, seine Zukunft und sein Morgen zerstört habe, aber parallel dazu auch meine Zukunft, weil ich nicht damit leben kann. Helfen Sie mir, na los! Können Sie nicht? Ich weiß, ist jetzt eben zu spät.“

Einige Wochen später schrieb Simon noch einen Entschuldigungsbrief an den alten Mann, weiterer Kontakt zu ihm kam nicht mehr zustande.

Mario Wurmitzer (geb. 1992), BORG Mistelbach

Blattgold – Barbara Westermayer

Morgen wird heute gestern sein!

Guten Tag! Darf ich mich vorstellen – mein Name ist Heute. Wie, Sie glauben mir nicht? Tz, was ist denn daran so merkwürdig, dass ich Heute heiße? Heutzutage heißen die Leute auch schon Drilona oder Fokko – also ich finde, da fällt Heute auch nicht mehr auf! Ich bin 30 Jahre alt und arbeite bei einer Zeitung – ich glaube, ich muss nicht dazusagen bei welcher, das ist doch wohl klar, oder? Mein Lebensmotto lautet „Carpe Diem“ und ich versuche wirklich, das Leben in den vollsten Zügen zu genießen, denn schließlich hat man nur eines!

Jeden Abend treffe ich mich mit meinem besten Freund. Wenn ich Ihnen nun verrate, wie er heißt, werden Sie mich wieder auslachen, aber es stimmt tatsächlich – sein Name ist Gestern. Wir treffen einander immer um 18.00 Uhr , denn vorher habe ich einen Fixtermin. Da sendet ORF 2 nämlich die Sendung „Heute in Österreich“ und die darf ich natürlich nicht verpassen – das wäre ja rufgefährdend! Gestern kommt immer einen Tag zu spät, deshalb treffen wir uns jeden Tag, da macht das dann nichts aus. Die erste halbe Stunde des Gesprächs verbringen wir meist damit, in Erinnerungen zu schwelgen. Also besser gesagt, Gestern erzählt mir viele Anekdoten aus der Vergangenheit, die ich schon längst vergessen hätte und ich lausche staunend, denn zu Wort komme ich ohnehin nur ganz selten. Dafür bin anschließend ich an der Reihe und darf ihm die aktuellen Neuigkeiten erzählen. Als Reaktion darauf bekomme ich mindestens dreimal des Ausspruch: „Also so etwas hätte es früher nicht gegeben!“, zu hören und wir diskutieren ein bisschen über Vergangenheit und Gegenwart. Dabei werden wir manchmal ein bisschen lauter und ernten verwunderte Blicke von anderen Besuchern. Naja, um ehrlich zu sein, könnten die erstaunten Mienen auch an der Tatsache liegen, dass Gestern immer etwas altmodisch angezogen ist. Wenn er besonders gut drauf ist, kommt er im Sommer in der Toga ins Cafe spaziert.

Irgendwann ertönt dann Gesterns Klingelton (man mag es nicht glauben, aber der gute Mann besitzt ein Handy) – die Melodie werden Sie wahrscheinlich alle kennen – er hat mich vor kurzem extra gebeten, „Yesterday“ von den Beatles herunterzuladen, da das sein erklärtes Lieblingslied ist! Dieser Ton ist das Zeichen, dass es für uns an der Zeit ist, die Konversation zu beenden und uns mit unserem fast schon zum Ritual gewordenen Spruch: „Wir treffen uns dann morgen, so wie heute.“ – „So wie gestern.“ – „Ach, so wie jeden Tag!“, lachend zu verabschieden.

So, jetzt wissen Sie schon ganz schön viel über mich und meinen Alltag. Und wieso erzähle ich Ihnen das alles? Na, ganz einfach, weil doch vor kurzer Zeit, eine Person in mein Leben getreten ist, von der ich behaupten kann, dass sie genauso verrückt ist wie ich und die alles verändert hat!

Begonnen hat alles an dem Abend, als Gestern und ich unseren Urlaub planen wollten. Wie jedes Jahr waren wir uns nicht sofort einig. Gestern versucht mich nämlich jedes Mal wieder zu überzeugen, den Urlaub auf den Winter zu verschieben, am besten in den Jänner, wo die Wahrscheinlichkeit am größten ist, dass es schneit. Dazu muss man sagen, dass Gestern ein besonderes Verhältnis zu dem weißen Pulver hat – er liebt Schnee, und ganz besonders den vom Vortag! Und immer hielt ich dagegen mit dem Argument, dass man doch den Tag genießen soll und das kann man am besten in einem Liegestuhl an einem weißen Strand in der Sonne dösend, das Plätschern der Wellen im Ohr und einen fruchtigen Cocktail am Tischchen neben dem Sonnenschirm. Wir diskutierten also wieder eine Weile hin und her, konnten uns nicht einigen und waren schon fast wieder an dem Punkt, die Entscheidung zu vertagen. Doch diesmal ließ ich nicht locker. Ich wollte mit einem meiner Lieblingssprüche, nämlich „Was man heute kann besorgen, das verschiebe nicht auf morgen!“, Gestern davon überzeugen, dass der Urlaub noch an diesem Tag geplant werden müsse. Erreicht habe ich jedoch etwas ganz Anderes. Als ich den Satz nämlich ausgesprochen hatte, drehte sich eine attraktive junge Frau vom Nachbartisch zu uns um und sagte: „Sprechen Sie mit mir?“. Wir zwei kannten uns natürlich nicht aus und warfen uns fragende Blicke zu – schließlich hatte ich keinesfalls einen Frauennamen erwähnt, geschweige denn die Dame auch nur irgendwie angeredet. Ich kannte sie ja gar nicht. Endlich brachte ich dann ein genuscheltes „Nein, das muss ein Irrtum sein.“, heraus, doch sie ließ nicht locker und meinte: „Aber sie werden doch von morgen sprechen.“ Langsam wurde mir die Frau suspekt – ich wusste nicht, worauf sie hinauswollte. Aber Gestern schien ein Licht aufgegangen zu sein (sonderbarerweise ist er in solchen Dingen immer ein bisschen schneller von Begriff als ich). Also fragte er die Dame: „Dürfte ich höflichst Ihren wertesten Namen erfahren, gnädige Frau?“ (Sie dürfen sich nicht über seine Wortwahl wundern, ich sagte ja schon, dass er in einer früheren Zeit stecken geblieben ist). Die Frau wunderte sich übrigens auch nicht, im Gegenteil, sie antwortete schon fast etwas genervt: „Na, was glauben Sie?! Ich heiße Morgen! Deswegen habe ich mich ja auch angesprochen gefühlt!“ Angesichts der Tatsache, dass wir ja auch beide, na ja, sagen wir, etwas eigenartige Namen haben, ist es ja direkt verwunderlich, dass wir verwundert waren. Ich glaube, wir waren aber eher deshalb verwundert, weil wir einen solchen Zufall fast nicht glauben konnten. Und da man eine schöne Frau nicht so schnell gehen lässt, noch dazu, wenn sie auch den Namen einer Tagesbezeichnung trägt, wie man selbst, kamen wir ins Gespräch – nicht, dass dies ganz ohne Komplikationen abgelaufen wäre, denn unsere neue Bekannte benutzte mit Vorliebe das Futur, auch wenn sie von Dingen sprach, die gar nicht in der Zukunft lagen. Aber mit ein bisschen Vorstellungsvermögen funktionierte es und wir erfuhren einiges über ihre Person. Sie schien eine Frau voller großer Ziele und Pläne zu sein, hatte Ideen, wie man Weiterentwicklung fördern, aber auch das Wohl der Umwelt im Auge behalten könnte. Solche Ideen kämen ihr immer nur in der Früh, sagte sie. Deshalb sei auch der Morgen ihre liebste Tageszeit, denn „Morgen-Stund hat Gold im Mund!“ Irgendetwas hatte sie an sich, das mich vom ersten Moment an bezauberte. Sie war großgewachsen und schlank, hatte gelocktes dunkelbraunes Haar, das ihre Schultern umspielte und große, funkelnde hellblaue Augen, die unter langen Wimpern hervorblitzten. Und diese sanft-energische Art, wenn sie über ihre Pläne sprach – ja, ich geb’s ja zu, ich hatte Schmetterlinge im Bauch. Da auch sie scheinbar Gefallen an unserer Gesellschaft gefunden hatte, luden wir sie ein, bei unserem täglichen Treffen dabei zu sein. Und seither hat sich doch tatsächlich so einiges verändert! Denn bei unseren täglichen Diskussionen über das Leben in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hat unsere neue Bekannte immer so gute Argumente gebracht, gegen die wir absolut nicht ankommen konnten. Denn wie bitteschön wollen sie eine Frau davon überzeugen, dass man sich doch lieber dem Genuss des Moments hingeben soll als sich für mehr Gleichberechtigung in der Zukunft einzusetzen? Oder dass das Studium der alten Geschichte wichtiger ist, als dazu beizutragen, dass die künftigen Generationen eine saubere Umwelt und genug zu essen haben (noch dazu, wo ein Mitglied dieser künftigen Generationen gerade in Morgens Bauch heranwächst)? Nicht, dass es jetzt wieder heißt, wir Männer sind zu schwach und lassen uns von den Frauen alles einreden – Gestern und ich haben ja wirklich lange versucht, dagegen zu halten – wir haben uns schon vorab heimlich getroffen und Argumente ausgearbeitet, aber genützt hat dies alles nichts, die hat sie alle nicht gelten lassen. So haben wir es irgendwann aufgegeben, Gestern hat sich neues Gewand gekauft und sogar diesen komischen alten Sprechstil aufgegeben, nur ganz selten rutscht ihm noch ein Wort wie „Pfuhl“ heraus. Ich habe meinen Job gewechselt und bin doch tatsächlich nicht mehr über jede einzelne Neuigkeit des Tages informiert und soll ich Ihnen etwas sagen – es geht mir gar nicht ab! Nur in puncto Urlaub konnte ich mich durchsetzen – wir werden ihn zu dreieinhalbt an einem sonnigen Strand verbringen und es uns gut gehen lassen! Jetzt werden Sie sich denken: „So eine kitschige Geschichte!“ und ich gebe Ihnen ja Recht, aber der Grund, warum ich Sie mit dieser Geschichte gelangweilt habe, ist, dass es einen Menschen gibt, der mich überzeugen konnte, dass es wichtig ist, an die Zukunft zu denken, denn, wie Morgen immer sagt: „Morgen wird heute gestern sein!“ – denken Sie nicht auch?

Barbara Westermayer (geb. 1991) aus 2243 Matzen

Blattgold – Felix Pfahler

… bitte wieder gestern!

19. Mai 2091

Der Schmerz war unerträglich. Alle Muskeln verkrampften sich. Ich konnte meine Augen nicht öffnen. Bewegungen waren nicht möglich. Aus irgendeinem Grund verlor ich aber nicht sofort das Bewusstsein. Erst eine Ewigkeit später schloss ich völlig erschöpft meine Augen. Das ist jetzt drei Tage her. Und vier Tage ist es her, dass ich mich endgültig zu diesem Schritt entschlossen habe.

Mein Zustand war täglich schlechter geworden und die Ärzte konnten nichts mehr machen. Ich war 31, hatte also mein Leben noch vor mir. Medizinisch gesehen aber nicht. So entschloss ich mich, in der Alcor-Zentrale in Scottsdale bei 196 Minusgraden auf die Tage zu warten, an denen mein Krebs heilbar sein sollte. Das Einfrieren war eine Erleichterung. Ich schlief einfach ein – ohne Träume, vor vier Tagen – vier Tage für mich. Auf der Erde sind inzwischen 81 Jahre vergangen, seit jenem Tag im Jahr 2010.

Als ich aus diesem Schlaf erwachte, in den ich nach den unerträglichen Qualen beim Auftauvorgang gefallen war, fühlte sich alles wundervoll an. Es kostete viel Überwindung meine Augen zu öffnen. Als ich es tat, sah ich, etwas verschwommen, aber ich sah! Ich konnte erkennen, dass ich in einem ziemlich großen Raum lag. Alles war weiß. Ich war allein. Wenige Sekunden später kam ein Mann ins Zimmer und setzte sich neben mich auf einen Sessel. Er stellte sich als der leitende Arzt des Krankenhauses hier vor und erklärte mir langsam und mit einfachen Worten, dass ich gestern aus meinem 81-jährigen Schlaf aufgewacht sei und nach einer Fehldosierung eines Medikaments leider 12 Minuten nicht unter Narkose gewesen war. Nachdem sie mich wieder in den Schlaf versetzt hatten, begannen zwei Chirurgen mit der Operation meines Tumors. Nach zwei Stunden Arbeit war meine Schädeldecke wieder geschlossen und der neuroepitheliale Tumor entfernt. Es gab bei der Operation keine Komplikationen. Die zerstörten Nervenzellen hatten sie in kürzester Zeit nachgebildet und ins Gehirn eingesetzt. Der Arzt meinte dazu nur: „Heutzutage eine Routineoperation“. Das viel aufwändigere Verfahren sei das Auftauen eines Menschen. Leider wurden vor 2010 viele Fehler beim Einfriervorgang gemacht und Gewebe irreparabel zerstört. Bei mir soll es aber gut gemacht worden sein und alles müsste so funktionieren wie vorher. Mehr wollte er mir gar nicht erzählen. Er meinte, dass es mich überfordere und ich mich im Moment nicht zu sehr anstrengen dürfe. Bis dato war ich nicht zu Wort gekommen, da der Mann keine Pause in seiner Erzählung machte. Der Stolz in seiner Stimme war dabei nicht zu überhören. Er sah mich an und lächelte. „Sie sind der erste Mensch, der einen Auftauvorgang überlebt hat!“ Einige Sekunden war Stille, bis ich meinen Mund öffnete. „Danke!“ – Mir fiel im diesem Moment nichts anderes ein. Er freute sich aber dennoch sichtlich. Er legte mir noch mit den Worten „…falls Sie etwas notieren wollen“ ein Heft und einen Stift auf das Nachtkästchen und verließ das Zimmer. Noch müde von der Narkose schlief ich aber gleich wieder ein.

Als ich vor einer Stunde aufwachte, beschloss ich alles aufzuschreiben. Ich war immer ein Freund von Tagebüchern gewesen. Womöglich wusste er das? Hat er etwa welche gelesen? Ich bin gespannt auf den heutigen Tag.

20. Mai 2091

Ich bin erschüttert! Heute Früh ging es mir noch wunderbar. Kann mich gar nicht erinnern, wann ich mich das letzte Mal so gut gefühlt habe. Freilich nehme ich noch einige Medikamente, da mein Immunsystem den heutigen Umweltbedingungen nicht gewachsen ist. Nach dem letzten Tagebucheintrag kam Matthew, wie sich mir der Arzt von gestern vorstellte, herein und brachte mir mein Frühstück – Nein, keine Buttercroissants mit Marmelade und Kaffee, sondern eine Infusion. Als er meinte, dass er sich schon auf ein gemeinsames Frühstück mit mir gefreut hatte und sich ebenfalls einen Beutel mit farbloser Flüssigkeit anstach und es in seine Vene zu tröpfeln begann, hielt ich es vorerst für einen schlechten Witz. Er sah meinen entsetzten Blick und erklärte lakonisch, dass er das letzte Mal vor 20 Jahren andere Nahrung zu sich genommen hatte. Aus umwelttechnischen Gründen sei es verboten Tiere und Pflanzen zu essen. Man komme nur sehr schwer und mit hohem finanziellem Aufwand über den Schwarzmarkt an solches Essen heran. Ich bin fassungslos. Wie soll ich denn ohne meinen geliebten Kaiserschmarren auskommen? – Gut; andere Zeiten, andere Sitten – Hauptsache, ich bin gesund!

Nach dieser „Mahlzeit“, die allerdings ein angenehmes Sättigungsgefühl auslöste, half mir Matthew auf und sagte, ich solle ihm folgen. Das Gehen war kein Problem. Im flüssigen Stickstoff bilden sich Muskeln offensichtlich nicht zurück! Er führte mich in einen Aufzug. Alles wirkte wie gewohnt – eben ein Spital. Wir fuhren in eine Tiefgarage, um uns in ein Auto zu setzen. Ein normales Auto. Ich hatte schon an kleine Flugzeuge oder Schwebedinger wie in den Filmen gedacht. Nein. Ein Auto. Matthew meinte: „Ich weiß, was du denkst! Viele Autos sind zwar mittlerweile auf alternative Antriebe umgestiegen, allerdings sind diese viel teurer als fossile Treibstoffe. So fährt der Großteil der Menschen nach wie vor mit aus Erdöl gewonnenen Treibstoffen.“ Ich konnte nur meinen Kopf schütteln!

So fuhren wir hinaus. Es ist nicht so futuristisch, wie ich es zuvor angenommen hatte. Es ist einfach nur grauenhaft – überall Beton, keine Pflanze in Sicht und kein Mensch auf der Straße. Einfach hässlich. Nach einer Stunde Fahrt verließen wir diesen ernüchternden Betonwald. Eine „normale“ Stadt folgte. Allerdings wieder keine Pflanzen. Wie kann man hier leben wollen?

„Ich möchte in meine Heimatstadt fahren!“, sagte ich zu Matthew. „Wir sind gleich da!“, meinte er. Nach 10 Minuten erkannte ich das erste Haus. Es ist das umstrittene Jugendzentrum, das sie kurz vor meiner Einfrierung gebaut hatten – mittlerweile fast zerfallen… Die ganze Gegend ist ziemlich heruntergekommen. Mein Haus ist weg. Dort steht jetzt ein Business-Park. Mit einer Sondergenehmigung durften wir einen der enormen Betonklötze betreten. In der Aula steht in einer Glasvitrine das morsche Gerippe der Eiche aus meinem Garten, unter der ich immer nach der Arbeit gesessen bin. Ich konnte die Tränen nicht zurückhalten. Matthew legte seinen Arm um mich. Ich denke, er konnte sich vorstellen, wie ich mich fühlte. Bei der Rückfahrt rappelte ich mich wieder auf, denn: andere Zeiten, andere Sitten – Hauptsache ich bin gesund!

23. Mai 2091

Man kann es sich nur schwer vorstellen, aber ich bin in meiner schönen Welt eingeschlafen und in einer völlig anderen Welt wieder aufgewacht – nur zurück kann ich nicht mehr… Das bedrückt mich sehr!

Ich schreibe erst heute wieder, da in den letzten zwei Tagen nichts Besonderes passiert ist. Ich darf mich relativ frei bewegen und habe auch einen Spaziergang draußen gemacht. Allerdings war dieser eher bedrückend als erfrischend. Immer mehr wird mir klar, was die Gegner der Kryonik vor meiner Einfrierung gemeint hatten. Es ist die Fremde, die eine Person nicht erträgt. Nicht die Fremde, in die man aus Interesse fährt, um sie zu erkunden, sondern die Fremde, in der man ungefragt aufwacht und aus der man nicht in die Heimat entfliehen kann. Auch das Gefühl, dass man örtlich gesehen zuhause ist, nur, dass man sich nicht zuhause fühlt, drückt noch mehr die Stimmung.

Heute habe ich mir von Matthew ein Auto ausgeborgt und bin in meine Heimatstadt gefahren. Ich wollte eigentlich nicht nach Freunden suchen. Viele hatte ich nie, aber die bekannten Gesichter, die man zuhause auf der Straße sieht, geben ein gutes Gefühl, das Gefühl daheim zu sein. Hier sieht man gar keine Gesichter auf der Straße. Nicht einmal unbekannte.

Als ich bei dem Businesspark vorbeikam, musste ich einfach anhalten. Als ich mich in der Aula vor die Vitrine mit meiner Eiche setzte, verflog kurz mein Kummer. Die Natur kann schon Wunder wirken. Selbst wenn sie tot ist, wie dieser Baum. Vermutlich saß ich stundenlang vor dieser Vitrine. Ich dachte nach wie früher unter dem Baum. Vielleicht ist das ja mein Problem. Ich denke einfach zu viel! Aber ich möchte denken! Ich kann nicht zurück. Vielleicht wäre es besser gewesen mich vor 81 Jahren unter meine geliebte Eiche zu setzen und den Tumor einfach mein Gehirn zerstören zu lassen. Ich liebte mein Leben und ich wollte nicht, dass es aus ist, aber so macht es auch keinen Spaß mehr. Wenn man sieht, was die Menschen aus dieser Welt in so kurzer Zeit gemacht haben, kann es ja auch kaum Spaß machen.

Ich versuchte mir wieder einzureden, dass es eben andere Zeiten und andere Sitten seien, und dass es doch das Wichtigste sei, dass ich gesund bin, aber bin ich denn gesund? Ich bin furchtbar unglücklich! Dabei war ich doch vor wenigen Tagen noch überglücklich und eine gute Woche ist es her, dass ich noch in meinem Garten unter meiner Eiche gesessen bin und darüber nachgedacht habe, wie ich mein Leben retten könnte. Plötzlich setzte sich Matthew neben mich. Er wusste, dass ich hier hergekommen war. Wo hätte ich denn auch sonst hingehen können…

Nach einigen Minuten der stillen Betrachtung des Baumes sagte er: „Wie hat Konrad Adenauer seinerzeit gesagt? Man muss das Gestern kennen, man muss auch an das Gestern denken, wenn man das Morgen wirklich gut und dauerhaft gestalten will! Du kennst das Gestern! Jetzt ist Morgen!“ Matthew ist ein toller Mensch! Er wird mir helfen können. Aber im Moment kann ich nur sagen: „…bitte wieder gestern!“

Felix Pfahler (geb. 1990) aus 2512 Tribuswinkel

Blattgold – Jasmin Kornberger

Weltkrieg

„Hallo!! Kannst du nicht einmal deine Haare aus dem Abfluss geben?“ Ich drehe den Fernseher ab. Andere würden über solche Streitgespräche schmunzeln. Ich nicht. Es ist kurz nach drei, ich versuche zu schlafen. Es ist lange her, dass ich früh einschlafen konnte. Je älter ich wurde, desto mehr musste ich grübeln. Je häufiger ich nachdachte, desto mehr Tränen kamen. Es ist lange her, dass ich unbesorgt geschlafen habe. Es ist lange her, dass ich in der Nacht nicht geweint habe.

Der Morgen ist kalt und klar. Anders als die letzten Tage. Ich öffne das Fenster und lasse meinen heißen Kopf von der Luft kühlen. Ich atme die kalte Luft ein. Ein schönes Gefühl. Als Kind mochte ich Oktobertage nicht. Sie waren mir viel zu traurig und dunkel. Ich wickle meine Decke fester um mich. Ein Windhauch beruhigt meine Augen. Lange schon sind sie jeden Morgen geschwollen. Ich verberge diesen Zustand gut. Weinen kann ich nur, wenn ich alleine bin. Niemals werde ich vor den anderen weinen. Die Probleme in diesem Haus sind groß. Eltern wissen oft nicht, was sie ihren Kindern antun. Früher habe ich oft geweint. Vor allen. Mein Bruder überhäufte unsere Eltern dann mit Vorwürfen. Noch mehr Streit. Ich habe daraus gelernt.

Die kühle Luft tut gut. Mittlerweile mag ich auch den Oktober. Jede Jahreszeit spendet mir auf ihre Art Trost. Soweit ich mich erinnere, hatte ich eine glückliche Kindheit. Manchmal hatte ich trotzdem Angst. Zwei Befürchtungen. Ein Krieg. Eine Scheidung. Für mich damals die schlimmsten Vorstellungen. Schockierend, eine Scheidung mit einem Krieg gleichzustellen. Ich war noch ein Kind. Kinder sollten keine Gedanken an Scheidungen verschwenden. Diese Befürchtung als Resultat der Konflikte. Heute bin ich älter. Die Lage hat sich nicht verändert. Jeden Tag Streit. Kein guter Plan für das Leben. Mein Gemütszustand beweist mir das. Meine Familie. Die Tränen beginnen wieder zu laufen. Doch ich reiß mich zusammen. Viel zu kaputt ist diese Familie. Ich leide. Vielleicht ist es manchmal besser getrennte Wege zu gehen, bevor noch mehr zerstört wird. Eine Trennung? Der Gedanke schnürt mir die Kehle zu. Verliert man als Kind sein Nest, fällt man schutzlos zu Boden. Ich bin jetzt älter. Ich kann versuchen zu fliegen, wenn das Nest zerfällt. Mein Körper zittert. Ich rede mir ein, dass es von der Kälte ist. Es liegt nicht an mir, dies zu entscheiden. Ich weiß was ich zu tun habe. Ich weine nicht vor den anderen. Ich werde niemanden belasten.

Ich schließe das Fenster.

Im Haus ist es ruhig.

Ich freue mich nicht. Es ist nur die Ruhe vor dem nächsten Sturm.

Jasmin Kornberger (geb. 1988) aus 3580 Horn

Blattgold – Marie Kjölbye

Todestag

Sie steckte den brief mit nachdruck in den umschlag zurück. Dann nahm sie ihn in ihre schlanken finger und riss in langsam in zwei hälften. Der riss fraß sich zentimeter für zentimeter durch ihren namen auf der vorderseite, franste die blaue tinte aus, die sich in einem schwunglosen schriftzug ins papier geprägt hatte. Niemand würde das je wieder kleben können, nicht heute, nicht morgen, nie. So sieht es in mir aus, dachte sie. Der wind zerrte an den blütenweißen papiersteifen in ihren händen und trug sie schließlich mit sich fort. Sie tanzten ungestüm über den gehsteig, verschwanden im schneegestöber um die nächste ecke, als hätte es sie nie gegeben. Fast wehmütig blickte sie ihnen nach. Aber das ist der letzte brief an mich gewesen, dachte sie bitter. Mit diesem gedanken stand sie auf. Die ganze welt um sie war gefroren, und ihre tränen wären es auch gewesen, wären sie nicht längst versiegt. Längst war der tag dem fahlen grau der dämmerung gewichen, niemand trieb sich jetzt noch in den gassen herum. Das schmiedeeiserne brückengeländer war mit reif überzogen, doch sie spürte kaum die kälte, als sie die hände darauf legte. Der winterwind blies ihr mit eisigem atem die haare ins gesicht, sie machte sich nicht die mühe, sie wieder zurückzustreichen. Durch einen schleier aus bildern der vergangenheit folgte ihr blick einer krähe, die verzweifelt gegen den sturm ankämpfte. Wann hatte das alles begonnen? All das, was sich niemals mit worten würde fassen lassen. Einen anfang schien es nicht zu geben. Aber das ist das ende, sagte sie leise zu sich selbst. Der wind trug ihr die worte von den lippen. Jetzt. Sie machte einen tiefen atemzug, eisige luft strömte in ihre lungen. Beinah war es ein seltsames gefühl zu wissen, dass dies ihr letzter gewesen sein sollte.

Plötzlich legte sich eine hand auf ihre schulter. Erschrocken fuhr sie herum. Zwei augen sahen sie an, deren blick es unmöglich machte, sich jetzt loszureißen.

Was machst du denn da?

Sie schwieg. Sah weg. Er hielt sie immer noch fest, mit sanfter gewalt.

Denk doch mal dran, was morgen noch kommt!

Dieselbe scheiße wie heute.

Aber das kannst du doch erst übermorgen sagen, erwiderte er sanft.

Marie Christine Kjölbye (geb. 1994) aus 2500 Baden

Blattgold – Katharina Haderer

Heute, morgen und die Entscheidung dazwischen.

Ich sitze in der Arztpraxis und blättere in einem glänzenden Magazin. Meine Augen wandern ihren Weg über die Seiten, der irgendwo auf Seite 156 enden wird.

Meine Augen sind beschäftigt. Am Rande meines Bewusstseins registriere ich dezente Musik, die mich an die Fahrstuhlmusik im Kaufhaus erinnert, und ich rieche Praxisluft, die trotz süßlicher Duftlampen seltsam herb in meine Nase steigt. Bitter ist auch der Geschmack in meinem Mund, der sich seltsam taub anfühlt, die Zunge pelzig – wie von Schimmel überzogen.

Das Mädchen auf dem Glanzpapierhintergrund stakst durch das Bild. Ich warte jeden Moment darauf, dass sie sie plötzlich auseinanderbricht. Ihre Beine sind Zahnstocher, die die farbenfrohen Klumpen an ihren Füßen wie appetitliche Apperitivhäppchen durchspießen.

Knacks. Da, ich habe es ganz deutlich gehört.

Meine Augen suchen nach einem Sprung auf der makellosen Oberfläche des Püppchens, doch sie finden nichts.

Ich blickte auf und bemerke die Frau, die mir gegenüber sitzt. Sie schiebt sich eine Salzstange zwischen die Lippen. Knacks. Sie lächelt. „Vorbehandlung für morgen oder schon Nachbehandlung?“, fragt sie.

Ein weiteres Stück Soletti verschwindet zwischen ihren Lippen. Sie sind groß und aufgeblasen, als wären sie von einem Schwarm Hornissen attackiert worden. Was sich wohl darinnen befand, das ihren Mund so prall und geschwollen machte? Irgendetwas mussten sie hineingepumpt haben.

Ich erinnere mich an Brackwespe, die ihren Stachel in das weiche Fleisch ahnungsloser Raupen rammt, um ihre Eier hineinzulegen. Die Raupe weiß nichts, ist aber vollgefüllt mit kleinen Parasiten, die sie von innen auffressen.

Ahnungslos wirkt die Besitzerin dieser Lippen offensichtlich nicht, denn sie sitzt ja hier in der Praxis. Als ich angestrengt auf ihren Mund starre, warte ich auf zuckende Bewegungen unter der dünnen, rötlichen Haut, wo sich möglicherweise Larven durch das Fleisch wühlen.

Ihr Mund bleibt starr, das Fleisch hart, die Haut darüber wächsern. Nur die Salzstange bricht mit einem Knacken an den Mauern.

Gerne hätte ich meine Hand ausgestreckt und sie angefasst, die beiden Raupen. Ob sie sich hart wie Stein anfühlten? Oder würden sie unter meiner Berührung zerplatzen und auslaufen?

Ich sage nichts, also sagt sie auch nichts mehr.

„Frau X!“, ruft mich die Ordinationshilfe.

Ich lasse die Zeitschrift achtlos auf den Tisch fallen. Knacks macht es, und ich wundere mich, ob schon wieder ein Soletti den gewaltigen gewaltvollen Lippen zum Opfer gefallen ist, oder ob das Mädchen in der Zeitschrift doch noch ein schnödes Ende gefunden hat.

„Morgen also?“, lächelt mir die Ordinationshilfe zu. Ihre Zähne sind weiß. Was sage ich – weißer als weiß. Ich wundere mich, ob ihre Zähne im Dunklen leuchten. Sie sind gerade und weiß, wie Porzellan.

Meine Hand ballt sich unwillkürlich zur Faust in dem Verlangen, es einem Elefanten im Porzellanladen gleichzutun. Ob die Zähne klirrend zersplittern würden? Krachend aus ihrer Fassung brechen? Zerbröseln wie chinesisches Porzellan?

Sie lächelt weiter und zeigt in Richtung der weißen Türe. „Doktor Y wartet schon auf Sie.“

Kurze Zeit später sitze ich vor dem Arzt. Die buschigen, mit Grau durchzogenen Augenbrauen hat er konzentriert zusammengezogen, während er mich für morgen untersucht. „Und das“, sagt er und schiebt mein Fleisch ein Stück in die Höhe. „heben wir ein Stück an. Dann wirkt das Ganze gleich sehr viel symmetrischer.“

Er betrachtet mich kritisch und malt mit einem schwarzen Stift auf meiner Haut. Es stinkt nach Ethanol. Scharf legt der Geruch sich in meine Nase und ätzt schier die Härchen darin weg.

Seine Nase ist groß. Aus seiner Nase könnte man locker drei weitere schnitzen. Poren spicken sie wie finstere Krater. Die Nasenflügel heben sich bebend und zitternd, wenn er einatmet. Seine Nasenspitze ist gefurcht, ebenso wie sein Kinn, das ausladend aus seinem Gesicht flieht.

Die wässrigen, grauen Augen huschen geschwind über mich, als er mich weiter untersucht und kontrolliert, ob für morgen alles passt. Sie wirken klein zwischen dem Geäst aus Falten und den gesunkenen Lidern, klein und eingezwängt. „So“, spricht der Mund mit den schmalen Lippen. „Das wäre es dann, Frau Y. Haben Sie noch irgendwelche Fragen wegen dem Ablauf morgen?“

Ich schüttele den Kopf.

Sein Mund verzieht sich zu einem Lächeln, doch ich kann seine Zähne nicht sehen. „Dann sehen wir uns morgen zur selben Uhrzeit; ruhen Sie sich heute Abend aus und vergessen Sie nicht, ausreichend zu trinken.“ Nachdem er mir die Hand gegeben hat, gehe ich nach Hause.

Die Zähne der Ordinationshilfe strahlen heller als die Neonröhrenstangen an der Decke. Meine Schritte werden von dem Geräusch zerberstender Salzstangen begleitet, die an steinharten Mauerlippen zerbrechen.

Zu Hause angekommen, die Türe hinter mir geschlossen, läutet das Telefon. Ich hebe ab.

„Also?“, fragt die Stimme am anderen Ende der Leitung. „Was ist jetzt mit morgen? Tust du es?“

Mein Mund bleibt geschlossen. Eine Weile lang ertönt nur das entfernte, nachhallende Rauschen der Telefonleitung.

„Wenn du mich fragst“, bemerkt die Stimme am anderen Ende der Leitung etwas trocken „solltest du deinen gesamten Körper in Ruhe lassen. Außer vielleicht den Mund.“

Fragenhaltige Atemlosigkeit.

„Wie wär’s mit einem kleinen Wagenheber, den du dir in den Mund einbauen lässt? Dann kannst du ihn bei Bedarf aufschieben, damit das, was dort unten verzweifelt nach dem Licht der Welt schreit, endlich heraus kann?“

Ich lege auf. Das Telefon schweigt in der Stille meiner Wohnung.

Ich reiße meinen Blick von dem Gerät vor mir. Das Einzige, was sich in meiner Wohnung bewegt, ist mein verschwommenes Spiegelbild im Fensterglas. Ob die Gestalt, die ich dort sehe, lacht oder weint, kann ich nicht erkennen.

Morgen also. Wer weiß schon, was morgen geschieht.

Katharina Haderer (geb. 1988) aus 2500 Baden