Björn brennt
Björn. Björn ist anders, Björn ist geil, Björn ist jung und brennend. Ja, Björn brennt.
Jeden Tag lichterloh, vom Morgenkaffee, bis zu den Abendliegestützen. Er wirbelt, und fackelt durch sein Leben, und versengt alles, was zu langsam und zu blöd ist ihm auszuweichen.
Björn ist geil.
Er hat den Job, DEN Job, den, den alle haben wollen, aber tja, Pech, denn Björn hat ihn. Und jeden Tag, nach dem Morgenkaffee, sprintet er zur S-Bahn und fährt ins Büro.
Fährt zu seinem Job. Brennend und fackelnd.
Er verbraucht sich voll. Jeden Tag lässt er ein Stückchen von sich in seinem Morgenkaffee. Aber er ist zu viel, er brennt zu stark, als dass er sich auslöschen kann.
Und dann sind da ja auch noch die Spritzen. Wenns gar nicht mehr geht, dann muss er halt mal kurz verschwinden, aufs Klo oder einfach hinter die riesen Feng-Shui-Pflanze in seinem Büro. Ja und dann piekst er sich kurz und wartet. Wartet auf die Flammen, die nach und nach seinen ganzen Körper auflecken und ihn erfüllen, die ihn wärmen und die ihn heiß machen. Weil Björn ist geil.
Aber trotzdem, das kann ja nicht alles sein, die paar Flammen, das bisschen Feuer…wie relativ, und viel zu wenig im Vergleich zur Ewigkeit, im Vergleich zum Universum, im Vergleich zu den ganzen Staubkörnern, die durch die Gegend fliegen.
Björn ist auf der Suche. Er sucht nach Selbstaktualisierung. Nach Erfüllung und innerem Frieden. Und in einem Biermoment, als er vollkommen zugesoffen auf seiner Ledercouch lag, mit einer Tussi, die er reihenweise mit nachhause bringt, die Marke Frau, mit Lederhandtäschchen, bei denen alle nach den Chihuahuas suchen, die Marke Frau, die überall ihren Lippenstift verteilt, die die kichert wenn man sie auszieht, die die nie stillt hält wenn man sie küssen will, mit der lag er auf seiner Couch und dann wurde er persönlich.
Biermoment halt.
“Selbstaktualisierung. Innerer Frieden, Ich und wie“, das hat er dann vor sich hin gelallt. Und dumm sind seine Püppchen ja nicht, nein blöd sind sie nicht. Haben ja alle brav das von Papi gesponserte BWL-Studium hinter sich.
„Innerer Frieden?“, hat sie dann gekichert und wieder nicht still gehalten, als Björn versucht hat auf sie zu rollen. „Such dir nen Yogi!“
Yogi suchen. Ja, das hatte Björn gemacht. Als er dann wieder nüchtern war.
Alt und faltig, weiße Haare und so.
Yogi halt.
Aber weise. Schlau war der, verdammt schlau. „Du musst aufhören mit den Spritzen. Und mit Yoga anfangen.“
Ja, sonst noch was? Kindergartentante nur auf Gandhi- Style, oder was?
Hey Alter, nein echt nicht. Aber Yoga, okay. Wenns Björn beim Brennen half, dann probiert man es doch mal.
Jeden Abend. Eine Stunde. Vor seiner Feng-Shui-Pflanze mit meditativer Trommelmusik. Sich mal den Kopf leer trommeln lassen. Ein paar Verrenkungen. Die tägliche Dosis Selbstdemütigung, wer brauchte das nicht?
Aber dann, dann war diese Yoga-Sache aus dem Ruder gelaufen. Es war einfach zu entspannend. Zu strahlend weiß, zu meditativ, zu gleißend, zu ausblendend.
Es löschte seine Flammen.
Er war süchtig. Nicht mehr nach seinen Spritzen, die hatte er nie wirklich gebraucht. Ja gut, sie waren schon ganz nett gewesen. Bisschen Support um zu brennen. Aber mehr nicht. Sie hatten seine Flammen geschürt, aber die meisten Flammen waren immer noch in ihm drin.
Und Yoga löschte das Feuer.
Weißer Leinenfrieden und Feng Shui Pflanzen.
Vollkommen abgedreht. Gestern hatte er sich den Tag frei genommen, hatte für sich zuhause, für seine 200m2 Luxuswohnung eine grüne Blätterhalterin gekauft und glücklich und bis zum Delirium Yogaübungen absolvierend, ihr bei der Photosynthese zugesehen.
Glückliche Stunden.
So ganz ohne Flammen.
Schon klar, Selbstaktualisierung war das nicht. Aber immer eins nach dem anderen, das hatte schon seine Mutter –möge sie in Frieden ruhen- gesagt. „Eins nach dem anderen, mein Björnchen, du lebst zu schnell“, hatte sie immer gelächelt. Doch, konnte schon sein. Aber das war halt er gewesen. Zu schnell, zu heiß, zu brennend.
Und jetzt Yoga. Herrgott noch mal. Teufel im Himmel, Gott in der Hölle. Verdammt auf jeden Fall. Alle miteinander.
Grauzonen, die hatten ihn immer schon wahnsinnig gemacht. Voll fertig war er immer gewesen, wenn er wieder etwas entdeckt hatte, das sein Deutschlehrer „weder Fisch noch Fleisch“, genannt hatte. Schwarz und weiß. So sollte die Welt sein. Zumindest wollt er sie so haben. Die Welt. Schwarz. Und weiß. Ganz einfach. Nichts Graues.
Schwarz noch lieber als weiß. Glühende Kohle, brennende Asche. Heißer Ruß.
Oder weiß. Yogaleinen weiß. Gleißende Sonne auf klaren Fensterscheiben –weiß.
Aber grau, was war schon grau? Er meinte ja nur, nur seine ganz persönliche Meinung, aber wenn er was zu sagen gehabt hätte damals, als die Erde geschaffen worden war, tja dann, dann gäb´s heut kein grau.
Er war aber nicht da gewesen. Und jetzt mal im Ernst.
Björn und seine Yogaleinen, die sind doch im Prinzip allen egal.
Geht ja nicht nur um ihn, alle müssen auf der Erde leben, Demokratie, alle müssen zufrieden sein, wenns sie´s auch nie sind, aber Björn bestimmen lassen, nein, das ging so gar nicht, so überhaupt gar nicht, das wär ja dann eine Björndiktatur, und wo kämen wir denn dahin, zwar vermutlich auch wieder nur dahin wo wir heute eh sind, aber trotzdem, nein, das kommt ja so gar nicht in Frage.
Aber Bong, Bong, Yoga hatte sich nun mal in seine Welt getrommelt, das war jetzt einfach mal so. Und seine Augen, Bong, Bong, die hatte Yoga ihm auch gleich geöffnet. So richtig weit geöffnet, weil als er heute aus dem Büro ging, und sich leichten Herzens von der Feng Shui Pflanze trennte, hatte er jetzt doch eine eigene zuhause, eine größere, viel größer, da passierte es. Es passierte. Tschak. Schlag in die Magengrube.
So ein bisschen Wind in ihren Haaren, so ein bisschen nur. Und schwarze Seidenhaare. Und graue Augen, wunderschönes Grau, nein, wie er das Grau in ihren Augen vergötterte. Überhaupt, grau war vielleicht doch nicht so schlecht, wenn er es so recht bedachte, nein, grau ging eigentlich doch.
Grüne Sprenkel. Im Grau. Und sie. So geborgen zwischen Müllcontainern, so anmutig zwischen Hundescheiße und so schnell vorbei. An Björn.
Einmal kurz Blinzeln und wutsch, schon wieder eine Welt die da vor ihm im Staub lag. Wie schnell das gehen konnte. Er könnte ganz viele Metaphern dafür finden und ganz viele Vergleiche anstellen, aber das hasste er. Spießerkram, das war Spießerkram.
Also schnell nachhause. Unter die Feng Shui Pflanze und ein bisschen Yoga machen. Ein bisschen viel Yoga. Ein bisschen eine ganze Nacht Yoga.
Und dann am nächsten Morgen, als alles wie immer vor sich hin floss, der Kaffee in die Tasse und der Verkehr Richtung City, und das Heroin in das Blut und Trinkwasser in die Toiletten und die Gedanken aus dem Fenster, stand er auf. Und wirbelte, funkelte und fackelte durch die Straßen.
Euphorie. Das war eines der Symptome. Akut und chronisch, aber besonders akut.
Weiter geht’s. In die S-Bahn, aus der S-Bahn, auf die Straße.
Wo war das Grau?
Nicht DAS Grau, das war überall. SEIN Grau. Das war nirgendwo. Wie unfair. Das ging doch nicht, konnte doch nicht alles vorbei sein, so auf einmal, so ohne wenn und aber, das Leben konnte doch nicht sagen: „Hey Björn. Schau mal, das ist was Geiles. Siehst du´s? Da drüben? Das kannst du aber nicht haben Björn, siehst du, nie wirst du das haben Björn.“
So was konnte das Leben doch nicht sagen. Das ging doch gar nicht.
Vielleicht doch. Doch, das wäre schon möglich, und dann der ultimative Beweis dafür, dass es einen Gott gab. Klar gab es ihn, einen, der Teufel zugleich war und einen krankhaften Spaß daran hatte andere Leute herumzuschubsen. Am Planten Erde. Und wo auch immer sonst noch.
Na gut, Morgenerkenntnis: Grau gab´s nicht in seiner Welt, gestrichen, Liebe, auch gestrichen, aber Gott, ja den gab´s. Ein Tag wie immer, im selben Zimmer mit der Feng Shui Pflanze, einfach wie immer. Einfach normal. Aber doch anders, denn alles glänzte heute, die Blätter im Licht der Sonne, die durch die schlierigen Fenster hereinknallte, sein Kugelschreiber, den er immer und immer wieder zwischen seinen Fingern drehte, seine Schuhe, maßgeschneidert und frisch poliert, alles blinkte ihn an.
Und er kam sich so matt schimmernd vor, auf einmal gar nicht mehr brennend, sondern irgendwie stumpf. Abgestumpft.
Und heute kriegte er ja sowieso gar nichts auf die Reihe, mal wieder einer von DEN Tagen, die er eigentlich so gar nicht kannte, aber trotzdem fürchtete, ein Tag der nichts brachte. Aber auch gar nichts, außer vielleicht die Angst, dass der nächste Tag wieder so einer werden könnte.
Wonach sollte er sich noch sehnen?
Wonach sollte er denn bitteschön suchen, wenn er gefunden hatte was er wollte, was er so richtig wollte, das hatte er gespürt, eigentlich erbärmlich, das es letzten Endes immer nur um Frauen ging, aber auch wieder tröstlich.
Trotzdem tröstlich.
Denn sie hatte er richtig gewollt, fast so sehr wie Yoga, nur anders. Sie brannte in ihm, ohne ihn kaputt zu machen. Ja, das war es. Heureka, und noch so ne schlaue Erkenntnis! Ja Liebe, das war brennen ohne eingeäschert zu werden, das war brennen ohne zu verbrennen.
Er stand inmitten einer pochenden, lebenden Stadt, die sich nicht darum scherte, dass er existierte, dass er Yoga machte und Spritzen konsumierte.
Zwischen Müllcontainern und Hundescheiße, ging auch dieser Tag zu Ende.
Allein. Für Björn.
Vielleicht war das aber auch nur eine weitere Lektion. Ein weiterer Schritt zur Selbsterkenntnis, zum inneren Frieden.
„Du musst verzichten können. Und du musst dich sehnen“, auf einmal sah er überall seinen Yogi. Krank. Oder was auch immer.
Zu viel Weisheit war schon wieder nicht weise.
Trotzdem, Björn war nicht traurig. Etwas melancholisch vielleicht, aber das würde vorbei gehen.
Einsam, ja.
Aber traurig, nein.
Und so schlenderte er über den grauen Bürgersteig, durch eine graue Stadt, nachhause.
Allein unter Menschen.
Etwas nachdenklich. Etwas wütend. Und etwas gleichgültig.
Aber er freute sich auch.
Er freute sich auf Yoga und auf seine Feng Shui Pflanze.
Auf die freute er sich ganz besonders.
Und er machte einen großen Schritt.
Stieg über eine leere Coladose und näherte sich seiner Selbstaktualisierung.
Dorina Heller (geb. 1995) aus 2671 Küb