Blattgold – Jasmin Kornberger

Weltkrieg

„Hallo!! Kannst du nicht einmal deine Haare aus dem Abfluss geben?“ Ich drehe den Fernseher ab. Andere würden über solche Streitgespräche schmunzeln. Ich nicht. Es ist kurz nach drei, ich versuche zu schlafen. Es ist lange her, dass ich früh einschlafen konnte. Je älter ich wurde, desto mehr musste ich grübeln. Je häufiger ich nachdachte, desto mehr Tränen kamen. Es ist lange her, dass ich unbesorgt geschlafen habe. Es ist lange her, dass ich in der Nacht nicht geweint habe.

Der Morgen ist kalt und klar. Anders als die letzten Tage. Ich öffne das Fenster und lasse meinen heißen Kopf von der Luft kühlen. Ich atme die kalte Luft ein. Ein schönes Gefühl. Als Kind mochte ich Oktobertage nicht. Sie waren mir viel zu traurig und dunkel. Ich wickle meine Decke fester um mich. Ein Windhauch beruhigt meine Augen. Lange schon sind sie jeden Morgen geschwollen. Ich verberge diesen Zustand gut. Weinen kann ich nur, wenn ich alleine bin. Niemals werde ich vor den anderen weinen. Die Probleme in diesem Haus sind groß. Eltern wissen oft nicht, was sie ihren Kindern antun. Früher habe ich oft geweint. Vor allen. Mein Bruder überhäufte unsere Eltern dann mit Vorwürfen. Noch mehr Streit. Ich habe daraus gelernt.

Die kühle Luft tut gut. Mittlerweile mag ich auch den Oktober. Jede Jahreszeit spendet mir auf ihre Art Trost. Soweit ich mich erinnere, hatte ich eine glückliche Kindheit. Manchmal hatte ich trotzdem Angst. Zwei Befürchtungen. Ein Krieg. Eine Scheidung. Für mich damals die schlimmsten Vorstellungen. Schockierend, eine Scheidung mit einem Krieg gleichzustellen. Ich war noch ein Kind. Kinder sollten keine Gedanken an Scheidungen verschwenden. Diese Befürchtung als Resultat der Konflikte. Heute bin ich älter. Die Lage hat sich nicht verändert. Jeden Tag Streit. Kein guter Plan für das Leben. Mein Gemütszustand beweist mir das. Meine Familie. Die Tränen beginnen wieder zu laufen. Doch ich reiß mich zusammen. Viel zu kaputt ist diese Familie. Ich leide. Vielleicht ist es manchmal besser getrennte Wege zu gehen, bevor noch mehr zerstört wird. Eine Trennung? Der Gedanke schnürt mir die Kehle zu. Verliert man als Kind sein Nest, fällt man schutzlos zu Boden. Ich bin jetzt älter. Ich kann versuchen zu fliegen, wenn das Nest zerfällt. Mein Körper zittert. Ich rede mir ein, dass es von der Kälte ist. Es liegt nicht an mir, dies zu entscheiden. Ich weiß was ich zu tun habe. Ich weine nicht vor den anderen. Ich werde niemanden belasten.

Ich schließe das Fenster.

Im Haus ist es ruhig.

Ich freue mich nicht. Es ist nur die Ruhe vor dem nächsten Sturm.

Jasmin Kornberger (geb. 1988) aus 3580 Horn

Share this Post:
Digg Google Bookmarks reddit Mixx StumbleUpon Technorati Yahoo! Buzz DesignFloat Delicious BlinkList Furl

No Responses to “Blattgold – Jasmin Kornberger”

Leave a Reply:

Name (required):
Mail (will not be published) (required):
Website:
Comment (required):
XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>