Januar, 2011Archive for

Blattgold 2010 – Texte der fünf Preisträgerinnen

Hiermit sind wir stolz die 5 Texte der Gewinnerinnen veröffentlichen zu dürfen! Zu den Texten!

Blattgold Gewinnerin – Marlies Thuswald – “Brezelhaftes Gestern”

Brezelhaftes Gestern Lisbeth stellt einen Teller mit drei Brezeln auf den Tisch. Wir sind aber vier, denke ich. Eine stumme Anspielung: Wer zu langsam ist, den bestraft das Leben. Schnell lange ich zu. Gwendolyn führte ihre Brezel bereits zum Mund und Lisbeth versuche noch, ihre Gier hinter gespielter Langsamkeit zu verbergen. Nur Wynfrid macht nicht einmal Anstalten, seine Hand auszustrecken und natürlich hat es nun auch keinen Sinn mehr, denn der Teller ist leer und das Geräusch von Zäh...

Blattgold Gewinnerin – Melanie Mitterer – “Morgen”

Morgen Es läutet. Alle springen auf, schleudern ihre Hefte in die Schultaschen und verlassen eilig das Klassenzimmer. Auch die Lehrerin scheint das schöne Wetter zu locken. Nur er bleibt sitzen und beginnt erst nachdem alle gegangen sind zusammen zu packen. Während er langsam den Raum verlässt und durch die verlassenen Gänge schlendert, hört er ihre fröhlichen Schreie und ihr lautes Gelächter vom Schulhof. Er lächelt. Morgen wird das anders sein. Da wird ihnen das Lachen vergangen sein. Als ...

Blattgold Gewinnerin – Lilli Maaß – “Morgen”

Morgen Heute Ich sehe ihre Gesichter und ich höre, wie sie sprechen, und ich weiß, dass sie über mich reden, obwohl ich nicht hören kann, was sie sagen, doch ich bin mir sicher, weil ich in solchen Dingen  immer Recht habe. Die schönen Mädchen, die anziehen können, was sie wollen, weil sie nichts verstecken müssen, weil da ja auch gar nichts ist. Die schönen Mädchen in ihren hohen Schuhen, die wissen, dass sie schön sind und die wissen, dass sie nichts verstecken müssen. Sie lachen. Sie lach...

Blattgold Gewinnerin – Dorina Heller – “Björn brennt”

Björn brennt Björn. Björn ist anders, Björn ist geil, Björn ist jung und brennend. Ja, Björn brennt. Jeden Tag lichterloh, vom Morgenkaffee, bis zu den Abendliegestützen. Er wirbelt, und fackelt durch sein Leben, und versengt alles, was  zu langsam und zu blöd ist ihm auszuweichen. Björn ist geil. Er hat den Job, DEN Job, den, den alle haben wollen, aber tja, Pech, denn Björn hat ihn. Und jeden Tag, nach dem Morgenkaffee, sprintet er zur S-Bahn und fährt ins Büro. Fährt zu seinem Job....

Blattgold Gewinnerin – Kathrin Fragner – “M-O-R-G-E-N”

M-O-R-G-E-N M-O-R-G-E-N. Ganz sanft zergeht das M auf deinen Lippen. Es ist der Anfang eines unglaublichen Gefühls. Ausgehend von der Mitte der Zunge mit einem klitzekleinen Summen, wächst es mit jeder Sekunde mehr an. Es durchdringt jede Zelle des Mundes und bringt alles zum Beben. Und dann, dann, wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kann nicht mehr wachsen, denn du musst jeden Moment explodieren, ja dann geht es auf ein tiefklingendes O über. Das O ist deiner Brust, einem wundervollen ...

Blattgold – Mario Wurmitzer

Morgen lebst du damit Laut der Anzeige im voll besetzten Ford Focus war es 4:38 Uhr, draußen regnete es leicht und im Auto wurde zum wiederholten Male eine Bierdose ausgeschüttet, was der Fahrer des Wagens mit einigen derben Worten quittierte, ehe er den Zündschlüssel drehte und losfuhr. Der Motor wäre beinahe abgestorben, der Lenker schimpfte nochmals kurz, sah die Startschwierigkeiten aber nicht als Zeichen dafür, dass er zu viel getrunken hatte. Simon hingegen schon. Simon war sich zie...

Blattgold – Barbara Westermayer

Morgen wird heute gestern sein! Guten Tag! Darf ich mich vorstellen - mein Name ist Heute. Wie, Sie glauben mir nicht? Tz, was ist denn daran so merkwürdig, dass ich Heute heiße? Heutzutage heißen die Leute auch schon Drilona oder Fokko – also ich finde, da fällt Heute auch nicht mehr auf! Ich bin 30 Jahre alt und arbeite bei einer Zeitung – ich glaube, ich muss nicht dazusagen bei welcher, das ist doch wohl klar, oder? Mein Lebensmotto lautet „Carpe Diem“ und ich versuche wirklich, das Leben...

Blattgold – Felix Pfahler

… bitte wieder gestern! 19. Mai 2091 Der Schmerz war unerträglich. Alle Muskeln verkrampften sich. Ich konnte meine Augen nicht öffnen. Bewegungen waren nicht möglich. Aus irgendeinem Grund verlor ich aber nicht sofort das Bewusstsein. Erst eine Ewigkeit später schloss ich völlig erschöpft meine Augen. Das ist jetzt drei Tage her. Und vier Tage ist es her, dass ich mich endgültig zu diesem Schritt entschlossen habe. Mein Zustand war täglich schlechter geworden und die Ärzte konnten nichts...

Blattgold – Jasmin Kornberger

Weltkrieg „Hallo!! Kannst du nicht einmal deine Haare aus dem Abfluss geben?“ Ich drehe den Fernseher ab. Andere würden über solche Streitgespräche schmunzeln. Ich nicht. Es ist kurz nach drei, ich versuche zu schlafen. Es ist lange her, dass ich früh einschlafen konnte. Je älter ich wurde, desto mehr musste ich grübeln. Je häufiger ich nachdachte, desto mehr Tränen kamen. Es ist lange her, dass ich unbesorgt geschlafen habe. Es ist lange her, dass ich in der Nacht nicht geweint habe. Der Mo...

Blattgold – Marie Kjölbye

Todestag Sie steckte den brief mit nachdruck in den umschlag zurück. Dann nahm sie ihn in ihre schlanken finger und riss in langsam in zwei hälften. Der riss fraß sich zentimeter für zentimeter durch ihren namen auf der vorderseite, franste die blaue tinte aus, die sich in einem schwunglosen schriftzug ins papier geprägt hatte. Niemand würde das je wieder kleben können, nicht heute, nicht morgen, nie. So sieht es in mir aus, dachte sie. Der wind zerrte an den blütenweißen papiersteifen in ...

Blattgold – Katharina Haderer

Heute, morgen und die Entscheidung dazwischen. Ich sitze in der Arztpraxis und blättere in einem glänzenden Magazin. Meine Augen wandern ihren Weg über die Seiten, der irgendwo auf Seite 156 enden wird. Meine Augen sind beschäftigt. Am Rande meines Bewusstseins registriere ich dezente Musik, die mich an die Fahrstuhlmusik im Kaufhaus erinnert, und ich rieche Praxisluft, die trotz süßlicher Duftlampen seltsam herb in meine Nase steigt. Bitter ist auch der Geschmack in meinem Mund, der sich se...

Blattgold – Emina Adamovic

Der Tod des Sarkasmus: Dimensions-Verschub des „Morgen“ Morgen beginnt Fräulein Müller ihre Avocadodiät. Ab morgen wird Herr Sachs wirklich mehr Sport betreiben, endgültig. Morgen erkundigt sich das Ehepaar Sedlak über Einzelheiten, eine Adoption indischer Waisenkinder betreffend. Morgen entschließt sich Herr Kraus zum Kauf eines neuen, verbrauchsarmen Autos. Morgen isst Sebastian anstatt bei McDonalds bei seiner Großmutter. Ab morgen verbringt Jakob täglich eine Stunde mehr unter freiem Himmel...